Meinung: Lob der Niedertracht

Wir leben in harten Zeiten für wohlstands-verwahrloste Sechzigjährige und greise Dreißigjährige.

Warum nehmen sich die Leute zur Jahreswende nur Gutes vor? Die potenziellen Nichtraucher, Abnehmer, Abstinenten werden auch 2004 mit einer Schuld beginnen, die, wenn's optimal läuft, spätestens mitten in der Ballsaison fällig wird. Diese Art von Versprechen ist a priori zum Scheitern verurteilt, ein frustrierendes Erlebnis. Warum also gibt man es nicht billiger und plant leichter Erfüllbares - Lustvolles oder gar Heimtückisches? Legen Sie die Latte niedrig an! Das ist das Silvester-Fest für die wahren Klassenbesten in der Schule des Lebens.

Ein schöner Vorsatz wäre zum Beispiel, absolut nichts zu tun: Arbeit vorzutäuschen, während man sich der süßen Muse hingibt. Schlafen Sie! Das birgt aber auch ein hohes Risiko. Vielleicht wird einem das Nichtstun sogar noch als Chef-Allüre, als Befähigung zu Höherem ausgelegt. Dann ist es aus mit der gemütlichen Mentalität des Untertanen, dann heißt es wirklich ernsthaft intrigieren. Sicherer ist ein Vergnügen zu Neujahr, das mindestens ebenso viel Spaß macht: Man besorgt sich eine jungfräuliche Voodoo-Puppe, steckt sie mit niederträchtigen Wünschen gegen den Vorgesetzten voll. Sie werden sehen, sobald die erste Nadel in einer Extremität der Puppe steckt, macht sich in Ihrer Mördergrube eine fröhliche Zügellosigkeit breit. Warum nicht auch herumtrampeln auf dem schnöden Abbild oder ins Eisfach mit dem Ungeheuer? Kalt genossene Rache ist ein lauteres Motiv, um wohl gerüstet ins schreckliche neue Jahr aufzubrechen. Legen Sie Listen mit Leuten an, die Sie wirklich nicht mögen. Und denken Sie schlecht über diese miesen Charaktere.

Erwarten Sie nicht zu viel. Auch 2004 bringt für den durchschnittlichen Europäer Jammern auf höchstem Niveau, als ob er den Rückfall in schlechte Gewohnheiten inkarniert habe und nur deshalb so hehre Ziele angibt, weil er dann umso hemmungsloser raunzen kann. Wohlstandsverwahrloste 60-Jährige meckern, weil sie wegen der Bösartigkeit der Regierung erst ein Jahr später nach Mallorca emigrieren können, greise 30-Jährige klagen darüber, dass Mutti und Vati sie nicht mehr länger gratis wohnen lassen wollen, immer unwilliger die Wäsche waschen und bügeln. Wir leben tatsächlich in harten Zeiten. Es wird immer schwieriger, den angebrachten Optimismus zu kaschieren. Und das ist auch der eigentliche Grund für die zu hoch gesteckten Vorhaben zum neuen Jahr. Sie sind Ablenkungsmanöver einer Gesellschaft, die sich ihres Optimismus schämt und vorgeschobene Gründe zum Raunzen braucht. Denn die Rache neidischer Götter soll schrecklich sein.

norbert.mayer@diepresse.com

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