Meinung: Europa kann den Mars nicht sehen

Z
u Weihnachten in den Sand ge setzt, verschollen, vielleicht im Krater zerschellt, hilf- und kontaktlos: Fast tut sie einem leid, die "Beagle 2". Sie ist nicht das erste irdische Fahrzeug, das auf dem Mars verloren gegangen ist: Auch die Trümmer des "Polar Lander", der im Dezember 1999 hätte landen sollen, dürften dort herumliegen, wohl auch die des "Climate Orbiter" (September 1999). Und wie der "Pathfinder" (August 1997, auch aus den USA) wohl heute aussieht?

Immerhin: Dieser alte amerikanische Pfadfinder hat uns damals reichlich mit Bildern versorgt, von rauhen Felsen und sanften Hügeln ("Twin Peaks", in Wien auch "Bisamberg" genannt). Wir waren einen Sommer auf dem Mars, mit unseren technisch erweiterten Augen, wir alle, die mit der Nasa verbunden waren, über Kabel und Satelliten.

Nun, im Winter 2003/04, sehen wir weder Sand noch Steine. Gewiss, der "Mars Express" der europäischen Weltraumagentur ESA umrundet weiter den Nachbarplaneten und wird auch einiges zur Erde funken. Aber keine Ansichtskarten.

Europa hat keine Bilder vom Mars. Das ist symptomatisch - und lässt sich auch metaphorisch verstehen. Denn selbst wenn "Beagle 2" nicht blind gestrandet wäre, ihre Bilder würden nie so weit um die Erde reisen wie die des "Pathfinder". Erstens, weil das Interesse geschwunden ist: Auch planetarische Hypes lassen sich nicht beliebig oft wiederholen. Und die Weltraumfahrt, im Grunde die Realisierung eines amerikanischen Gründermythos ("Go west!"), verliert langsam, aber sicher an Image. Zweitens weil sich bei der ESA niemand findet, der so unverschämt Spekulationen über mögliches Leben und Siedeln auf dem Mars anheizt, wie dies Nasa-Forscher getan haben.

D
rittens, weil Europa keine mit CNN vergleichbare Nachrichten- Maschine hat, weil seine Medien im Vergleich zu den amerikanischen kleinformatig sind. Und Europa hat keine Hollywood-Tradition: Die "artist's impressions", die von US-Weltall-Expeditionen stets als erste eingetroffen sind, den realen Bildern voraneilend wie einst der Ruf der Tat, sind aus europäischen Studios schwer vorstellbar. Wohl auch, weil unseren Forschern solche Bild-Schreierei zu peinlich wäre. Aber die gehört nun einmal zur Weltraumfahrt genauso wie zur Kriegspropaganda.

Vielleicht dürfen wir uns mit dem Bonmot des US-Politologen Robert Kagan trösten: "Amerikaner sind vom Mars, Europäer sind von der Venus." Nur nicht zu wörtlich nehmen! Die Venus ist heiß und stürmisch, dort verglüht bald eine Sonde.

thomas.kramar@diepresse.com

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.