Nicht ganz druckreif

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indestens zwei voneinander un abhängige Quellen, keine Infor mationen von Journalisten, heißt die strenge Recherche-Regel amerikanischer Qualitätszeitungen. Sie ist etwas blauäugig, wie das Debakel bestätigt, das ein junger Journalist der "New York Times" bereitet hat. Jayson Blair hat seinem Unternehmen jahrelang Artikel unterschoben, die von Plagiaten oder erfundenen Passagen durchsetzt waren. Es ehrt die "Times", dass sie sehr viel Aufwand betrieb, um dem falschen Reporter auf die Spur zu kommen. Vier Seiten opferte das Blatt in der Ausgabe vom Sonntag, um minuziös die Schwindeleien aufzulisten, derer man Blair überführen konnte.

Doch es bleibt besonders peinlich für die Zeitung, dass die Chefs des Fälschers oftmals Beschwerden ignorierten, wohl nach dem Motto, man werde sich die Story nicht durch Recherche verderben. Denn für einen derartigen Betrug braucht es zwei: Den Reporter wie auch seinen Chef, dem die Sensationsstory lieber ist als lästiges Nachfragen.

Was also ist Schuld an dem Fiasko des Weltblattes? Ist es die Verrohung des Journalismus, gefördert durch den Konkurrenzdruck der Zeitungen mit den elektronischen Medien? Ist es der schlechte Einfluss des nicht kontrollierbaren Internet? Das wäre eine zu billige Ausrede. Fast jedes Medium hat seine schwarzen Schafe, ein jedes aber seine Sensationsgier, die von der Jagd nach Reichweiten und Auflage gefördert wird. Die gefälschten Hitler-Tagebücher passierten dem "Stern" weit vor der Revolution des Internets, das Magazin der "sz" musste vor Jahren zugeben, eine Reihe von gefälschten Interviews eines Star-Reporters mit Prominenten abgedruckt zu haben. Und auch die "Washington Post" hatte bereits 1981 ihren Supergau: Eine Reporterin gewann den Pulitzer-Preis für eine sehr einfühlsame Reportage, die nur einen Makel hatte: Der Protagonist war erfunden.

Unsere Zeit ist also nicht schlimmer. Für Leute wie Blair erleichtern zwar TV und Internet das Fälschen, zugleich aber ist es im globalen Dorf sehr wahrscheinlich, dass ein derartiger Schwindel auffliegt. Es bedarf sehr viel Aufwand, um heute Leser hinters Licht zu führen. Dass es bei der "New York Times" so lang gedauert hat, Blair auf die Schliche zu kommen, ist das eigentlich Verwunderliche an der Geschichte. Sie wird doch nicht etwa gar gefälscht sein?

norbert.mayer@diepresse.com

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