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omit kann man brave Bürger nachhaltig verärgern? Richtig, das neureiche Protzen gehört zu den schändlichsten Untugenden der gesamten Neuzeit - nicht, weil es Neid hervorruft, sondern weil dieses Imponiergehabe meist mit geschmacklichen Verfehlungen einhergeht. Und kaum sind die Hüter der harmonischen Ästhetik für einen Moment unachtsam, ist die Zukunft für Jahrhunderte verbaut, prangt mitten in der Hauptstadt ein Schandfleck, der ständig das Kulturerbe bedroht.
Im folgenden Fall kommt noch dazu, dass der Misston staatlich verordnet war. Gibt es denn überhaupt größere Grässlichkeit als die Zweckgemeinschaft von politischer Macht und herzloser Wirtschaft? Also: Es war ein schwerer Fehler des Hauses Fugger, dem stadtbekannten Pleitier Maximilian beinahe unbegrenzten Kredit zu gewähren. Und was hat der ehrgeizige Aufsteiger aus dieser Chance gemacht? Ein Goldenes Dachl, das fürwahr nicht in das schöne spätmittelalterliche Ensemble unseres schönen Innsbruck passt. Der Architekt, ein Fehlgriff. Niklas Türing mag in Mechelen oder Brüssel seine widerwärtigen spätgotischen Experimente wagen, aber in Innsbruck hat solcher Plunder nichts zu suchen.
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as sagt eigentlich die Kirche dazu, deren prachtvolle Bauten im Herzen der Stadt geradezu entweiht werden? Ein klärendes Wort des Bischofs sollte schon zu erwarten sein. Ist denn dieser internationalen Mafia aus der Schweiz, aus Flandern und Wien überhaupt nichts mehr heilig? Am Ende nennt man diese farbliche Provokation gar noch "The Habsburg Wing", feiert auf Kosten anständiger Innsbrucker Bürger irgendwelche sündteuren Events, nur weil der Herr Habsburg dafür wirbt, zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt zu werden.
Unter der Maultasch hätte es so etwas nicht gegeben. Da wusste man noch, wie eine Kirche, ein Palast, ein Bürgerhaus auszusehen hatten. Denn ein Dach ziert nur eine Funktion: Es soll die Leute vor dem Wetter schützen, wenn sie zum Beispiel zu einer Ausstellung von Dürer gehen. Eine einfache Form genügt - Ziegel, Holzschindel oder mattes Metall. Alles andere ist eitler Tand.
Aber seit die aus Wien das Sagen haben, ist ja nichts mehr sicher. Dort soll schon wieder die Hofburg ausgebaut werden, irgendein grässliches neues Palais in Schockfarben. Man verhandle bereits mit den Augustinern, heißt es. Da kann man nur hoffen, dass sich doch noch Vernunft und Anstand durchsetzen. Wien darf nicht Paris werden. Rettet die Altstadt, ehe die Moderne anbricht!
norbert.mayer@diepresse.com
Ein Dach
hat nur eine Funktion:
Es soll die
Leute vor dem
Wetter