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ällt irgendjemanden noch ein Wortwitz mit Eisbären und/oder Eiszeit ein? Ein flottes Werbesprüchlein, in dem das Wort "Flieger" vorkommt? Ein Aphorismus zum Wesen des Neonlichts? Willkommen! Hier herrscht Langzeitbedarf. Denn unter all den Retro-Wellen, die ins Gestade der hiesigen Popkultur schwappen, ist das Neue-Welle-Revival die dauerhafteste. Heute, Freitag, findet man sich wieder einmal im Metropol zur "Retro-Sause" unter dem Motto "Eisbär", die Herren Lang, Nemeczek und Forcher konzertieren und erinnern daran, dass sie vor mehr als 20 Jahren unter den Signets "Hansi Lang", "Minisex" und "Tom Pettings Hertzattacken" Schlagwort-Poesie und Mitsing-Musik gemacht haben, die sehr modern war. Dazu erscheint eine weitere Sampler-CD, die vor allem die Kunden mit kleinen Kindern begrüßen werden: Es gibt wenig deutschsprachige Popmusik, die so kindlich und dabei nicht kindisch ist. Mit drei Jahren "Flieger", mit vier "Du kleiner Spion", mit fünf den "Kommissar", mit sechs dann, der Abwechslung wegen, den "G'schupften Ferdl" und das Gesamtwerk Georg Kreislers: Was können Eltern mehr an lyrischer Früherziehung tun?
Gute Sache also, auch für Erwachsene, und viel Spaß mit der wüsten, manchmal stimmigen Kombination mit heutigen Schlagern, die der neue Sampler wagt. Anachronismus rules, O. K.!
Wer die Blütezeit des österreichischen Pop - die sich ganz und gar nicht unter "Austro-Pop" einreihen lassen wollte - ohne partytaugliche Vorselektion hören will, hat's schwerer. Denn die Originalplatten sind großteils längst vergriffen, viele wurden gar nie als CD veröffentlicht. "Bikini Atoll" von Minisex, die ersten beiden Hertzattacken-LPs, "Tausend Takte Tanz" von Chuzpe, die geniale "Rosachrom"-Platte sind praktisch nicht mehr erhältlich. Geschweige denn wichtige Kompilationen wie "Wienmusikk" oder "Heimat bist du großer Söhne".
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efragt sind keine historisch-kriti schen Editionen, auch keine hin und her digitalisierten und neu abgemischten Versionen, sondern schlichte Neuauflagen. Die ja für die Plattenfirmen nicht sonderlich aufwendig sein sollten. Oder sind diese mit Jammern und dem Konzipieren der Werbefeldzüge für Michael-Jackson-Editionen und Beatles-Fundstücke ausgelastet?
Und weil wir gerade beim Wünschen sind: Während Niki Lists überschätzter Film "Malaria" zumindest manchmal im ORF läuft, wurde "Neon Mix" der beste und klügste TV-Film über die Neue Welle in Österreich (1982), seit Menschengedenken nicht mehr ausgestrahlt. Ist er überhaupt noch im Archiv?
thomas.kramar@diepresse.com