Ein schäbiger Mann in mittleren Jahren

Wieso soll man einem gewissen Hauptmann überlassen, im "Zauberberg" verlacht zu werden?

Es ist kein Einzelfall im unergründlichen Ozean der Literatur. Immer wenn ich in Romanen von Freunden oder entfernten Bekannten auf leicht untersetzte Journalisten in undankbaren Nebenrollen stoße, denke ich mir: Wie gemein! Nicht, dass hagere Chefredakteure mit ihren asketischen Witzen oder billig-blonde Prosecco-Drosseln aus der Reporter-Abteilung in diesen Machwerken besser wegkommen, aber irgendwie schmerzt es doch, wen man sich von diesen Möchtegern-Balzacs schlecht getroffen fühlt.

Was tun? Trost ist bei Marcel Proust zu finden, der angeblich meinte, er habe in seinem Monster-Buch "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" nur deshalb so viele Bekannte porträtiert, weil es ihm an Fantasie mangelte. Von dem französischen Serienrufmörder stammt aus dem Band "Die Flüchtige" folgendes Bonmot: "Die Wahrheit und das Leben sind beide schwer zu bewältigen, und ich behielt von ihnen, ohne dass ich sie wirklich kennen gelernt hätte, einen Eindruck zurück, bei dem vielleicht die Erschöpfung die Trauer überwog."

Wie viel an Wahrheit darf also in einem durchschnittlichen Roman sein? Wie viel an Trauer? Das Landgericht in München scheint eine Antwort darauf gefunden zu haben. Es verbietet die Verbreitung von Maxim Billers Roman "Esra", weil sich zwei dem Autor offenbar einst nahe stehende Frauen in dieser "Autobiografie" verunglimpft fühlen. Lebensbeichten aber, befanden die Richter, gehören in den Bereich Sachbuch. Und in dieser Art von Realität gibt es ja den Tatbestand der üblen Nachrede.

Nehmen sich da einige Leute nicht zu wichtig? Erst wäre zu fragen: Wer ist denn der autobiografische Biller? Es handelt sich offenbar um einen leicht untersetzten Journalisten, der sich berufen fühlt, mäßige Literatur-Texte zu verbreiten, einen zornigen, nicht mehr jungen Mann, der das Scheitern einer Beziehung zum Anlass nimmt, literarisch mit der Ex abzurechnen. Und da sieht man schon: Es sind die falschen, die klagen. Nicht "Esra" oder eine böse Schwiegermutter in spe sind zu bemitleiden, sondern der schäbige Erzähler, ein rechter Versager. Und wer könnte das schon sein? Wir sind gemeint, wir sind die Opfer, wir sollten klagen.

Natürlich auch rückwirkend: Wieso soll man einem gewissen Herrn Hauptmann kampflos überlassen, in Thomas Manns üblem "Zauberberg" als Mynheer Peeperkorn fiktiv verlacht zu werden? Aufgeblasen wie Peeperkorn sind viele Männer. Verbietet das Zeug!

norbert.mayer@diepresse.com

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