Profis in Kauf-Panik

Jetzt treiben zur Abwechslung neue Zinsspekulationen die Kurse an den Aktienmärkten nach oben.

Die Luft ist verdammt dünn geworden, aber wenn die Börsen einmal in Schwung sind, dann lässt sich die Meute nicht so leicht abhalten. Am Donnerstag etwa nahm die Europäische Zentralbank ihre Wachstumprognose für den Euroraum noch einmal deutlich zurück. Konjunktur schlechter ist gleich weniger Gewinne ist gleich niedrigere Börsenkurse, lautet dazu eine alte Gleichung.

Doch Mathematik ist derzeit nicht gefragt. Schlechte Nachrichten werden einfach ignoriert, sowohl in Europa wie auch in Amerika gingen die Börsenkurse weiter hoch.

Diesmal sind erneute Zinsspekulationen die Kurstreiber. Zwar bemüht sich die EZB, die erst in der Vorwoche ihren Leitzinssatz um einen halben Prozentpunkt auf zwei Prozent zurückgenommen hat, jegliche Zinsspekulation als "verfrüht" abzutun, aber an den Börsen glaubt ihr offenbar keiner.

Nach einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage erwarten Analysten und Händler jedenfalls ziemlich einhellig, dass es noch in diesem Jahr zu einer Zinssenkung auf breiter Front kommen werde. Die Börsianer gehen davon aus, dass sowohl die amerikanische Fed, wie auch die europäische EZB noch einmal um 0,25 Prozentpunkte heruntergehen werden. Dann läge der Leitzins in Amerika bei einem Prozent und in der Eurozone bei 1,75.

"In diesem Jahr" ist freilich relativ: Die jüngsten Kursfeuerwerke sind schlicht "Einpreisungen" von Zinssenkungen in diesem Ausmaß noch vor dem Sommer.

Womit gleich auch das damit verbundene Risiko offenkundig ist: Setzen die beiden wichtigsten Notenbanken ihre Zinsen nicht mehr im Juni herab - was jedenfalls wahrscheinlicher ist als ein Zinsschritt - dann müsste das logischerweise auf die Aktienkurse negative Einflüsse haben.

Aber logisch ist derzeit wenig an den Börsen. Das Problem: Die Flaute an den Aktienmärkten dauert schon verdammt lange (der jüngste Kursanstieg ist ja noch kein selbst tragender Aufschwung) und die dauernden Zinssenkungen machen alternative Investments zu Aktien immer unlukrativer. Es ist aber extrem viel Veranlagungskapital "unterwegs", das nach gewinnbringenden Veranlagungsmöglichkeiten sucht.

Das trifft besonders auf Fondsmanager zu: Private Anleger können ja vorübergehend Barreserven halten, wenn sich nichts vernünftiges anbietet. Ein Fondsmanager kann das nur begrenzt: Käufer von Fondsanteilen zahlen nur ungern satte Managementgebühren für Veranlagungen, die sie gebührenfrei auch selbst tätigen könnten. Dieser Veranlagungsdruck ist ein nicht unterschätzender Faktor bei den derzeitigen Kursanstiegen.

Kleinanlegern kann es freilich egal sein, weshalb die Kurse steigen, solange sie nur steigen. Man sollte also die offensichtliche Kaufpanik der Profis durchaus nutzen - aber jederzeit zum Absprung bereit sein.

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