Gerhard Vogt, Generaldirektor der Raiffeisen Centrobank (RCB), über die Zukunft der Wiener Börse, die schlechten Aussichten für einen neuen Aktienboom und die Chancen für Garantieprodukte.
Die Presse: Als Chef des größten heimischen Investmenthauses sind Sie ein großer "Player" an der Wiener Börse. Wie schätzen Sie denn die Zukunft des heimischen Aktienmarktes ein?
Vogt: Für uns ist die Wiener Börse sehr wichtig. Wir sind natürlich daran interessiert, dass die Börse aktiv und liquid ist. Aber über kurz oder lang wird es natürlich nur noch eine einzige computerisierte Börse für ganz Europa geben. Einige werden sich spezialisieren, aber als generelle Börse wird sich keine halten.
In Wien wird immer wieder betont, man wolle sich als Mittelstandsbörse etablieren.
Vogt: Wir sind daran sehr interessiert. Aber man muss schon sehen, dass eine Börsenotierung für ein mittelständisches Unternehmen österreichischer Größenordnung sehr arbeitsaufwendig und teuer ist. Da hat so ein Unternehmen vielleicht zehn Millionen Gewinn, und der Börsegang kostet eine Million Euro. Außerdem ist die Börsennotierung mit einem hohen Maß an Transparenz verbunden, vom Quartalsbericht bis zur Gewinnwarnung. Da ist es schon die Frage, ob sich das viele antun.
Die Börse ist also nicht das ideale Finanzierungsinstrument für mittelständische Betriebe österreichischer Größenordnung?
Vogt: Nicht unbedingt.
Ist es sinnvoll, in Wien ein relativ großes Börsesegment zu haben, in dem die Umsätze sehr gering sind, was ja Kursmanipulationen Tür und Tor öffnet?
Vogt: Ökonomisch gesehen ist dieser Sektor natürlich unbedeutend. Aber für die Firmen hat es - vor allem international - schon Vorteile, wenn sie sagen können, sie sind börsenotiert. Wir haben kein Problem damit und die Anleger müssen halt genauer auf die Umsätze schauen.
Mit der Bank Austria kommt ein Schwergewicht an die Börse zurück. Wird das dem Markt eine Belebung bringen?
Vogt: Ich sehe das sehr positiv. Es ist ein interessanter Titel, wenn man bedenkt, dass die Aktie mit 30 bis 35 Euro auf den Markt kommt, während die Mutter nur zehn Euro kostet, wodurch die Tochter so viel wert ist wie die Mutter. Wenn aber ein einzelner Großaktionär wie die HVB einen sehr hohen Anteil hat, dann ist das immer schlecht für den Kurs. Ideal ist für eine Aktie ein großer Streubesitz, so um die 70 Prozent, der Rest sollte in festen Händen sein.
Stört es, dass Bank-Austria-Anleger beim früheren Umtausch in HVB-Aktien viel Geld verloren haben?
Vogt: Ich glaube, ein Großteil der Papiere wird nicht an Private gehen, sondern an institutionelle Anleger wie etwa Fonds. Die brauchen die Aktie, um Indices nachbilden zu können und denen sind frühere Umtauschverhältnisse egal.
Wann kommt der nächste Aktienboom?
Vogt: Mittelfristig wird es in Wellenbewegungen leicht bergauf gehen. Einen Boom sehe ich aus drei Gründen nicht: Erstens haben die Leute kein Geld mehr, es fehlt Liquidität. Zweitens gibt es in fast jeder Industrie Überkapazitäten, das dämpft Investitionen, drittens verdienen die Firmen zu wenig.
Und die viel zitierte Ostfantasie?
Vogt: Die gibt es, aber wo Fantasie ist, sind auch Alpträume. So lange die Rechtssicherheit im Osten nicht besser ist, wird es auch keinen Boom geben. Bisher sind ja nur drei Bereiche wirklich gestiegen: Ölaktien, Telekom-Papiere und Medienwerte.
Und wohin tendieren Anleger jetzt?
Vogt: Garantieprodukte, bei denen das Kapital garantiert wird, die Anleger bei Kursanstiegen aber auf einen Teil dieser Gewinne verzichten. Dieses Produkt ist eigentlich für Versicherungen entwickelt worden, wird aber jetzt von Privaten sehr stark nachgefragt, weil es sich wegen der Kapitalgarantie hervorragend für die Pensionsvorsorge eignet.