"Die Bäume an der Börse werden nicht in den Himmel wachsen"

Zurückhaltend, aber in der Grundtendenz doch optimistisch geben sich die Analysten derzeit. An den Aktienmärkten rechnen sie - nach drei Jahren der Flaute - wieder mit Gewinnen.

WIEN (ag/mk). Den letzten Handelstag im Jahr 2002 hat der Dow Jones Index in New York mit einem leichten Plus von 0,11 Prozent bei 8341,63 Punkten beendet. Der technologielastige Nasdaq Composite Index ging indes um 0,3 Prozent auf 1335,51 Punkte nach unten. Was auf Jahressicht ein Minus beim Dow von 16,76 Prozent, an der Nasdaq von 31,53 Prozent bedeutet.

Wird's besser, wird's schlimmer, fragen sich nicht nur Anleger alljährlich. Und leider sind die Antworten der Analysten alles andere als einheitlich.

Europa im Aufwärtstrend

Zwölf von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragte Strategen sind sich darüber einig, daß es heuer an Europas Aktienbörsen nach oben gehen wird. Sie rechnen mit einem Plus von durchschnittlich 20 Prozent für die europäischen Leitindizes. (Allerdings zeigten sich die Analysten bereits vergangenes Jahr ähnlich euphorisch: Für 2002 sagten sie einen Gewinn von über zehn Prozent voraus. Statt dessen ist etwa der deutsche Leitindex DAX um 43,94 Prozent gefallen.)

90 von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Aktienstrategen erwarten einen Anstieg des DAX, des wichtigsten deutschen Börsenbarometers, auf 3800 Punkte. Das Jahr 2002 beendete der DAX bei 2892,63 Einheiten.

Insgesamt überwiegen die Optimisten: Durchschnittlich wird erwartet, daß der S&P-500-Index in den USA im so eben begonnenen Jahr um 14 Prozent steigen wird. Als Gründe führen die Börsianer unter anderem ein weiteres Steuersenkungspaket der Bush-Regierung an.

Die optimistischste Prognose für 2003 liefert die ING BHF-Bank. Sie sieht den Dow Jones Euro Stoxx 50, der auf die Werte aus den Euroländern beschränkt ist, im heurigen Jahr um 47 Prozent steigen. Die pessimistischste Vorhersage kommt von Merrill Lynch: Die Analysten aus diesem Haus sagen dem europäischen Börsenbarometer ein Minus von 3,6 Prozent voraus. Auch was die USA betrifft, zeigt sich Richard Bernstein von Merrill Lynch skeptisch: Er glaubt an das vierte Bärenjahr in Folge. Das gab es bisher erst einmal nach dem Börsencrash 1929. Abby Cohen von Goldman Sachs erwartet indes für heuer, daß der Dow Jones endlich den Abwärtstrend umkehren wird.

Im vergangenen Jahr bewegten sich die Prognosen in einer engeren Spanne. Die größere Diskrepanz heuer wird auf die Zweifel am Wirtschaftswachstum und auf die Kriegsgefahr im Nahen Osten zurückgeführt. Die Schere ist "symptomatisch für die Unsicherheit", sagt Tony Zucker, Fondsmanager bei Thames River Capital in London.

Für Abhijit Chakrabortti, globaler Aktienstratege bei JP Morgan sprechen drei Gründe dafür, daß 2003 ein gutes Aktienjahr werden sollte. Erstens werde in das haushalts- und geldpolitische Umfeld positiv bleiben. "Zweitens gehen wir in einen zyklischen Aufschwung der Weltkonjunktur", sagt Chakrabortti in einem Interview mit der "Financial Times Deutschland". Die Wirtschaft der USA werde um drei Prozent wachsen, weltweit werde das Plus bei etwa 2,5 Prozent liegen. Und drittens werde sich das globale Wachstum der Unternehmensgewinne auf zehn Prozent verdoppeln. Er rät Anlegern zu Industrie- und Grundstoffaktien. "Interessant sind auch Finanzwerte." Technologieaktien sind dem JP-Morgan-Experten noch zu teuer, da ihre Kurs derzeit beim 32-fachen des Gewinns liegt. "Ich kann aber globale Konsumwerte wie Nestl© heute für das 16-fache des Gewinns kaufen, warum sollte ich also in den Technologie-Sektor einsteigen", sagt Chakrabortti.

Ein bißchen Optimismus verbreitet auch die Raiffeisen Zentralbank: "Ohne Krieg im Irak könnte das erste Quartal gut verlaufen", sagt RZB-Analyst Helge Rechberger. Doch auch diese Meinung wird nicht allgemein geteilt. Solange im Irak keine Entscheidung falle, werde an der Seitwärtsbewegung der Börsen von zuletzt nichts ändern, sagt Ricardo Aitzetmüller da Cruz von der Erste Bank. Derzeit sei nur ein kurzer, regional begrenzter Irak-Krieg in den Märkten eingepreist.

Bauernregeln helfen nicht

Auch mit altbewährten Weisheiten kommt man nicht recht vom Fleck. Eine "Börsen-Bauernregel" besagt, daß die dritten Jahre in der Amtszeit eines US-Präsidenten laut Statistik gute Jahre sind. Doch das steht möglicherweise im Widerspruch mit einer anderen Weisheit: Sollte es nämlich im Jänner mit den Kursen nach unten gehen, besteht laut dem Stock Traders Almanach keine Hoffnung für das Gesamtjahr. Seit 1950 gilt diese Regel ohne Ausnahme.

Nach drei Jahren Aktienbaisse sind auch die Experten trotz einiger Lichtblicke (Anzeichen für ein Anspringen der Weltwirtschaft, Gewinnwachstum der US-Unternehmen) für 2003 aber allgemein zurückhaltender geworden: "Der Aktienmarkt hat sich noch nicht nachhaltig erfangen", sagt Monika Rosen vom Asset Management der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA). Und Udo Rosendahl, der bei der Fondsgesellschaft DWS für die großen europäischen Aktien zuständig ist, faßt die Sicht vieler Marktteilnehmer so zusammen: "Die Bäume an der Börse werden nicht in den Himmel wachsen."

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