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eit Anfang März haben die wichtigsten amerikani schen und europäischen Indizes zwischen 20 und 30 Prozent zugelegt. Nach der gängigen Definition, die bei einer 20-prozentigen Steigerung den Bullenmarkt ausruft, haben die in den vergangenen Jahren dominierenden Bären (20 Prozent Minus bedeutet Bärenmarkt) damit das Börseparkett verlassen.
Anleger würden jetzt natürlich gerne wissen, ob sie dauerhaft vertrieben sind. Denn kurzzeitige Aufschwünge in diesen Dimensionen hat es (siehe unten stehende Geschichte) in den vergangenen drei Jahren einschließlich des jetzigen insgesamt vier gegeben. Drei davon haben sich als sogenannte Bärenrallys entpuppt: Nach einem kurzen Aufflackern war die Party schnell wieder vorbei. Anleger, die sich voreilig in Sicherheit gewiegt haben und beim Aufschwung von Anfang an dabei sein wollten, haben also in den sauren Apfel gebissen und Geld verloren.
Und jetzt? Geht's gleich wieder bergab? Amerikanische Experten auf dem Feld der Technischen Analyse sagen "nein". Die Indizes hätten Trendlinien nach oben durchschlagen, das sei ein klares Signal, dass der Markt die Richtung geändert habe.
Nur: Der Aktienmarkt funktioniert nur, weil er eben nicht vorhersagbar ist. Die technische Analyse ist also ein netter Anhaltspunkt mit einer (wegen ihrer großen Anhängerschar) gewissen Neigung zur "self fulfilling prophecy", aber nicht eben eine exakte Wissenschaft.
Freilich: Die Anzeichen mehren sich, dass es diesmal trotz der anhaltend gedrückten Konjunkturlage wirklich länger nach oben gehen könnte. Wenn auch nicht im Stil der vergangenen Wochen.
Viele Aktien in Europa und den USA gelten unterdessen jedenfalls als krass unterbewertet. Das hilft den Kursen zwar noch gar nichts, wenn niemand kaufen will. Aber Marktbeobachter vermelden jetzt eine deutliche Zunahme der Risikofreudigkeit bei den Anlegern, was sich früher oder später in entsprechenden Umsätzen niederschlagen wird.
Allerdings: Einstiegen sollte man eher in Schwächephasen. denn die starken Kursanstiege der vergangenen Wochen schreien geradezu nach Gewinnmitnahmen mit entsprechenden vorübergehenden Kursrückschlägen bei den betroffenen Papieren. Tatsächlich hat sich in den vergangenen Tagen ja gezeigt, dass die Börsen noch sehr empfindlich reagieren und der deutsche DAX etwa bei negativen Nachrichten (beispielsweise der Nicht-Zinssenkung durch die EZB) locker gleich einmal vier Prozent am Tag verlieren kann.
Wer jetzt an den Kauf deutscher Aktien denkt (die im allgemeinen trotz der jüngsten Kursrally als besonders krass unterbewertet gelten), sollte freilich nicht nur die Wirtschaftsseiten, sondern auch den Politik-Teil aufmerksam studieren: Wenn Kanzler Schröder in Berlin seine Agenda 2010 halbwegs über die Bühne bringt, dann kann es schon sein, dass die Kurse ordentlich abfahren. Wenn sich die Verhinderungsfraktion durchsetzt und Deutschland der überregulierte, überbürokratisierte und übersozialisierte Moloch bleibt, der er ist, dann sieht es für die Wirtschaft (und für die Börse) eher trübe aus.
Bis da Klarheit herrscht, wird es wohl weiter so dahin gehen wie in dieser Woche: ein Wechselbad aus Kursanstieg, Abfall und Seitwärtsbewegung. Ja, und der teure Euro bremst die Börsenperformance natürlich auch. Bis zur nächsten EZB-Sitzung wird es also auch für die Börsianer noch spannend.