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aufen, wenn die Kanonen donnern: Diesen Uralt- Börsenkalauer nehmen sich die Profis (Privatanleger sind derzeit an den Börsen so gut wie nicht tätig) offenbar zu Herzen. Die "Kriegsrally", die Anlegern seit Mitte der Vorwoche in den USA mehr als zehn und in Europa mehr als 20 Prozent Zuwachs beschert hat, ging auch zum Wochenschluss unverdrossen weitern. Angetrieben diesmal von den raschen Vorstößen der alliierten Truppen tief in die südirakischen Wüsten und vom damit verbundenen Verfall der in den Vorkriegstagen doch kräftig gestiegenen Ölpreise.
Immerhin waren die Kursschübe nach oben bereits so stark, dass die Verluste seit Jahresbeginn überwiegend bereits kompensiert sind. Die amerikanischen Börsenindizes stehen bereits durchwegs im Plus, die wichtigsten europäischen sind nicht mehr weit von der Wasserlinie entfernt. London ist beispielsweise gerade noch 2,6 Prozent unter der Nulllinie, Paris 5,8 und Frankfurt 7,1 Prozent.
Experten wechseln unterdessen von der pessimistischen auf die optimistische Seite und glauben schon, dass die Chancen für eine "signifikante taktische Rally" recht gut stehen. Merrill Lynch hat beispielsweise für eine aktuelle Studie 300 Fondsmanager befragt, von denen mehr als die Hälfte Aktien als unterbewertet einstuften. Ein Drittel der Fondsmanager glaubt sogar, dass Aktien derzeit um mehr als 15 Prozent zu wenig kosten.
Unterbewertet heißt freilich noch nicht, dass die Kurse demnächst dauerhaft steigen werden. In den schlimmsten Stunden des deutschen Dax Ende Februar und Ende März hatten die meisten Dax-Aktien bereits unter den Buchwerten der jeweiligen Firmen notiert. Eine Situation, die theoretisch bedeutet, dass die Liquidation des Unternehmens für dessen Eigentümer lukrativer wäre als ein Verkauf über die Börse. Eine dramatische Unterbewertung der Unternehmen also, die aber keineswegs zu einem Run auf diese "Schnäppchen" geführt hat.
Der Grund: Das konjunkturelle Umfeld ist mit oder ohne Irak-Krieg anhaltend schlecht - und das bestimmt neben der allgemeinen Stimmung an den Märkten die weitere Entwicklung signifikant.
Die Stimmung hat sich zuletzt freilich deutlich verbessert: Mehr als die Hälfte der von Merrill Lynch befragten Fondsmanager glaubt, dass es bald wieder zu Umschichtungen von Anleihen zu Aktien kommen wird und dass die Anleihennotierungen deshalb auf Jahressicht zurückgehen werden.
In der Zwischenzeit fangen Fondsmanager schon an, in Richtung Aktien umzuschichten. Die Kapitalanlagegesellschaft der Erste Bank etwa, die Erste Sparinvest, hat bekannt gegeben, dass die Aktiengewichtung in den von ihr gemanagten Aktienfonds von 50 auf 70 Prozent angehoben wird. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Profis zu glauben beginnen, die derzeitige technische Reaktion an den Börsen sei mehr als ein Strohfeuer.
Am Freitag konnten die wichtigsten europäischen Börsen bis zum Nachmittag jedenfalls zwischen eineinhalb und zweieinhalb Prozent zulegen. Insgesamt addiert sich die Entwicklung seit Montag zu größten Wochengewinn der europäischen Märkte seit September 2001. Besonders Chemie- und Airline-Aktien gehörten zu den Gewinner. Was Experten mit den sinkenden Ölpreisen in Zusammenhang bringen. Die beiden Branchen sind Öl-Großverbraucher.
Die US-Märkte eröffneten etwas schwächer, blieben ber im plus. Allerdings reagieren die Märkte derzeit sehr sensibel auf die Entwicklung im Irak, die Stimmung kann also schnell umschlagen.