Warum Digital?

1925 wurde der Kleinbildfilm eingeführt – und veränderte die Fotografie nachhaltig. Jetzt laufen Digitalkameras dem Kleinbildfilm den Rang ab.

Kaum etwas hat die Fotografie nachhaltiger verändert, als die Einführung des Kleinbildfilms im Jahr 1925 durch die deutsche Firma Leica. Mit dem Bildformat 24 x 36 Millimeter wurden die Kameras klein und handlich, die gestellte Fotografie starb an dem Tag, an dem die Leica I in Produktion ging. Plötzlich waren heimliche und spontane Aufnahmen möglich. Eine neue Art der Fotografie war geboren, und ihre Meister hießen Erich Salomon, Henri Cartier-Bresson und Robert Capa. 78 Jahre später sagt man den Kleinbildfilm tot, weil sich eine neue Revolution breit macht: die digitale Fotografie. Bilder entstehen nicht mehr durch die Veränderung von Silberhalogeniden durch Licht, sondern werden aus den Ziffern null und eins zusammengesetzt. Nie dagewesene Verkaufszahlen lassen eine darniederliegende Industrie aufatmen, plötzlich scheint jeder nur noch digital fotografieren zu wollen, egal was es kostet.

Rasante Entwicklung

Die Digitalfotografie hat eine ähnlich rasante und interessante Entwicklung durchgemacht wie der Personalcomputer. Am Anfang, 1981, stand Sony mit einer Kamera namens Mavica. Das Konzept schien vielversprechend: Bilder mussten nicht mehr langwierig entwickelt und vergrößert, sondern konnten direkt auf dem Bildschirm betrachtet werden; anstelle eines Films gab es unbegrenzt wieder verwendbare Speicherchips. Doch der japanische Konzern und sein visionärer Chef Akio Morita waren ihrer Zeit voraus. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis die Technik beim breiten Publikum Interesse fand.

Den zweiten Anlauf machte jene Firma, die heute auf dem Gebiet der Digitalfotografie den Ton angibt und das Maß aller Entwicklungen ist: Canon präsentierte 1986 ein komplettes Digitalsystem namens „Ion“ mit Kamera, Abspielgerät, Drucker und einer Bild-Übertragungseinheit für das Telefon. Das System kostete 27.000 Dollar, die Kamera schaffte gerade einmal eine Auflösung von 187.000 Pixel. Auch Ion starb bald wieder. Danach passierte lange Jahre wenig, bis Kodak 1994 mit der digitalen Spiegelreflexkamera NC2000 (basierend auf einer Nikon N90) Maßstäbe setzte: Die Auflösung von 1,4 Millionen Pixel ergab erstmals qualitativ annehmbare Bilder. Gut genug, damit die kanadische Tageszeitung „The Vancouver Sun“ ihre Fotografen mit der NC2000 ausrüstete und als erste Zeitung der Welt auf digitale Fotos umstellte.

Fallende Preise

Die weitere Entwicklung ging schnell. Binnen weniger Jahren fielen die Preise von ein paar tausend auf ein paar hundert Euro, zugleich stieg die Auflösung von 1,4 Millionen Pixel auf heute 14 Millionen Bildpunkte – und man ist noch nicht am Ende angekommen. Doch für die meisten Hobbyfotografen genügen bereits Kameras mit drei Millionen Pixel, um die Unterschiede zwischen digitalen und analogen (Film-)Aufnahmen verschwinden zu lassen.

Warum aber sich mit Pixel und Auflösung herumschlagen, wenn es seit 1925 eine bessere Technik gibt – nämlich den klassischen Kleinbildfilm? Die Kameras sind billiger, die mögliche Auflösung höher (theoretisch 40 Millionen Bildpunkte) und 500 Papierbilder sind allemal schneller durchgeschaut als 500 digitale Aufnahmen, die man erst einzeln im Bildbearbeitungsprogramm des Computers öffnen muss. Bei neuen Technologien spielen logische Überlegungen selten eine Rolle, und so wurde selbst die Industrie vom Massenhype überrascht. Als beispielsweise Canon 2001 die erste leistbare digitale Spiegelreflexkamera (die EOS D60 um 2.500 Euro) auf den Markt brachte, war die Kamera vom ersten Tag an ausverkauft. Die Firma kam mit der Produktion nicht nach, jetzt hat man die Herstellung optimiert – und gleich ein verbessertes und billigeres Nachfolgemodell vorgestellt (EOS 10D).

Handel: Digital ist besser

Der Marktanteil der digitalen Kameras steigt weiter kontinuierlich, viele Elektronikhändler machten zu Weihnachten 2002 die Hälfte ihres Umsatzes mit Digitalkameras. Im kommenden Jahr wird man laut Studie erstmals mehr digitale als analoge Fotoapparate verkaufen, 2009 soll der Marktanteil digitaler Kameras bei 85 Prozent liegen. Interessant ist, dass mit dem Verkauf der digitalen Kameras auch die Zahl der (analogen) Papierbilder gestiegen ist. Urlaubsfotos kann man eben im Format 10 x 15 Zentimeter leichter herumreichen als einen Laptop. Dazu kommt, dass viele, die sich eine Digitalkamera kaufen, nur unzureichende Computerkenntnisse haben oder nicht einmal einen Computer besitzen. Etliche Fotoketten haben darauf bereits reagiert: An speziellen Terminals kann man die Bilder aus der Digitalkamera betrachten und bei Gefallen gleich Abzüge bestellen.

Den Zweck einer digitalen Kamera haben diese Kunden freilich nicht verstanden. Hier dürfte mehr das „Haben-will-Syndrom“ als die Vernunft hinter der Anschaffung gestanden sein. Wirklich sinnvoll ist die digitale Fotografie für all jene, die entweder sehr viel fotografieren und mit dem endlos verwendbaren Chip Film sparen; für die, die ihre Bilder in erster Linie via E-Mail verbreiten und im Internet veröffentlichen oder für jene, die sehr wenig fotografieren und nicht bis nach Ostern warten wollen, um die Fotos von Weihnachten in Händen zu halten.

Wer aber vier Wochen durch Australien fährt, wird nicht jeden Abend hunderte Bilder auf einen Laptop überspielen und mitten in der Wüste nach einer Steckdose für das Akku-Ladegerät suchen wollen. Und zu Hause müssten ein paar tausend Fotos am Computer aussortiert, auf eine CD gebrannt und in ein Labor gebracht werden, um am Ende Papierabzüge in ein Album kleben zu können. Da ist man mit dem klassischen Fotoapparat mit Film besser bedient. Der Spaß- und Modefaktor Digitalfotografie bekommt mittlerweile auch schon Konkurrenz durch einen Retrotrend: Vergangenes Jahr stieg in Österreich der Verkauf von Schwarzweißfilmen um 30 Prozent.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.