Horror-Sturz des Koreaners Choi beendete Tournee-Generalprobe in Engelberg. Auch Gewichts-Diskussionen sorgen für Unruhe.
ENGELBERG. Bis zum ersten Springen in Engelberg hatten sich Teams und Trainer mit wechselhaften Bedingungen, Verschiebungen und Absagen herumschlagen müssen. Samstag konnte ein regulärer Bewerb über den Bakken ziehen. Den gewann der Norweger Ljökelsöy, Höllwarth wurde Dritter, der zweite Podestplatz für das ÖSV-Team in dieser Saison. Doch Sonntag war wieder alles anders. Wind und Schnee sorgten für Verschiebungen. Und Neustarts. Bis der Koreaner Heung Chul Choi abstürzte, mit voller Wucht auf den Vorbau krachte. Und, wie Morgenstern in Kuusamo, abtransportiert werden musste. Die Jury wartete zwar, brach aber dann ab. Die nachfolgenden Springer waren nur bei 80 Metern gelandet . . .
Aber auch aus anderen Gründen herrscht derzeit Unruhe im Springer-Lager. Denn mit den Aussagen des Deutschen Frank Löffler ("Ich wurde zum Abnehmen gezwungen") kam die Gewichts-Diskussion wieder auf's Tapet, brachte zusätzlichen Rückenwind in den Countdown zur Vierschanzen-Tournee (29. XI.). Spielt Untergewicht die tragende Rolle in diesem Sport? Müssen Athleten hungern, um zu gewinnen? Und - ist das Drumherum in der Anzugsfrage nur ablenkendes Geplänkel?
Für Adler-Chef Hannu Lepistö, seit Jahrzehnten im Geschäft, ein alter Hut. Logisch, dass ein leichter Athlet bessere Chancen habe als ein Bröckerl. Jedoch wären durch Reformen, die das Material (Anzug, Ski) betreffen, neue Voraussetzungen geschaffen worden. "Jetzt haben Finnen und Norweger ein gutes Produkt. Aber es kann sich wieder ändern."
Mit der Material-Kontrolle wäre "extremen Gewichts-Fällen" aber ein Riegel vorgeschoben worden. Der "Kraft-Faktor" stehe nun im Vordergrund, ohne Power könne keiner auftrumpfen. "Vor zehn, zwanzig Jahren", erinnert sich der Finne, "war's anders. Da war's populär, leicht zu sein. Aber heute, nein, nicht mehr. Meine Springer fürchten sich nicht vor Gewicht!" Ein Kilogramm auf oder ab, das spiele kaum eine Rolle. Lediglich ausschweifen dürfe nichts, denn das Extrem, wie auf so manchem Urlaubs-Fotos deutlich erkennbar, lehne er vehement ab.
Löffler, im Sommer aus dem deutschen Kader eliminiert, hatte beteuert, täglich nur 1200 Kalorien zu sich genommen zu haben. Sein innovativer Menüplan reichte von Müsli (Frühstück), einem Glas Magermilch, Nudeln mit Tomatensauce (Mittag) bis zum Knäckebrot mit Orangensaft (Abendessen). Und als der Verband ihn "ermuntert" hätte, doch "großzügigerweise" auf 4 kg (von 72 auf 68) zu verzichten, wäre ihm der Kragen geplatzt, er musste jetzt einfach "auspacken". Da es anscheinend "Mode" geworden ist, als Skispringer wie ein Cat-Walk-Model über Kalorien zu sprechen, nahm sich der Finne Akseli Kokkonen (1,72 m, 56 kg) ein Herz und gab wohl im Suomi-Scherz zu, gar nur "mit 800 Kalorien am Tag" auszukommen. Dem finnischen Boulevard gefiel's, ein Bild mit einem Teller Haferbrei illustrierte diese (glaubhafte?) Hunger-Story.
Für Toni Innauer klang's eher wie ein "Neujahrs-Scherz", doch unrecht wäre dem Sportdirektor diese in Bewegung gesetzte Diskussion nicht. Es müsse aus sportpolitischer Sicht opportun werden, generell über "Tabu-Themen" zu sprechen. "Ich sitze im Material-Committee. Und meine erste Amtshandlung war's zu fordern, dass seriös über's Körpergewicht gesprochen wird!" Und sinnvoll über Vorschläge beraten wird, "ohne das Kind mit dem Bart auszuschütten." Also, den Spieß umzudrehen und Athleten von hungernden Leicht- in gezüchtete Schwergewichte zu verwandeln.
Eine erste FIS-Idee gibt es schon. Es könnte ein Idealgewicht für jede Körpergröße vorgegeben werden. Wer die Vorgabe unterschreitet, müsste mit kürzeren Skiern und damit kleinerer Tragfläche abheben, Maßstab hierfür wäre der "Bodymaß-Index". Für einen 1,84-m-Mann wären es 75,6 kg. Abwarten. Denn davon sind Athleten derzeit noch weiter entfernt als ein Topmodell von einer Leberkäse-Semmel.
Mit großer Freude hatte Innauer auch den Genesungsprozess von Thomas Morgenstern nach seinem Absturz in Kuusamo verfolgt. "Morgi" ist wieder fit, trainierte schon in Villach (60-m-Schanze) und in Seefeld. "Ihm taugt es, er fühlt sich wohl. Bei einem internen Wettkampf mit der B-Garnitur hat er sich behaupten können." Nun gelte es, ihn und seinen Körper wieder "scharf" zu machen, wie Toni Innauer erklärte. "Damit er noch sicherer wird." Und für die Tournee 2003/2004 doch noch als Trumpf-As aus dem Ärmel gezogen werden kann.