Ferres: Tierischer Wellengang

Salzburgs Buhlschaft hat Sehnsucht nach Schnitzler, Tschechow, Eugene O'Neill - und dem Burgtheater.

Veronica Ferres ist eine tapfere Frau. Der Salzburger Schauspiel-Intendant Jürgen Flimm tritt vor der frühabendlichen Aufführung von "Jedermann" auf die Bühne und sagt: "Ich habe schlechte Nachrichten. Frau Ferres hat sich verletzt und musste mit fünf Stichen genäht werden." Bestürztes Raunen vor dem Salzburger Dom. Es gibt auch eine gute Nachricht: Trotz der Schmerzen und des Risikos, dass die Wunde aufplatzen könne, werde Ferres an diesem Abend die Buhlschaft spielen, sagt Flimm. Und so turnt die große Blonde bald über den Bankett-Tisch, spielt Leidenschaft, Entsetzen mit großer Geste. Nur in den Liebesszenen scheint es, dass Mannsbild Jedermann (Peter Simonischek) ganz gegen sein Naturell besonders zarte Küsse für die Geliebte hat. Heftiger Applaus für die energische Schauspielerin.

Veronica Ferres ist eine äußerst tapfere Frau. Nach der Aufführung stellt sie sich einem ausführlichen Gespräch mit 50 Journalisten, bei einem Gala-Diner in der Residenz. Die Firma Henkel, für deren Kosmetik Ferres wirbt, hat eingeladen. So ist auch eine der einführenden Fragen, die Talk-Radio-Lady Karin Resetarits der Schauspielerin stellt, welche Aqua-Produkte von Diadermine diese verwendet. "Ungepflegte Menschen haben für mich eine mangelnde Selbstliebe", sagt Ferres. Aber das ist nicht die drängende Frage an diesem Abend.

Alle wollen nach der kryptischen Ansage von Flimm endlich wissen: Wie und wo und warum ist es passiert? "Gestern beim Jet-Ski-Fahren in Spanien. Es hat mich überschlagen", sagt Ferres, ein Bolzen habe Haut und Fleisch über ihrer Oberlippe durchschlagen. "Es war ein tierischer Wellengang. Ich fühlte mich zu sicher, raste über das Wasser und wurde von einer Welle erfasst." Sie werde jetzt intensiv behandelt.

Der Arzt habe versprochen, es werde von der tiefen Fleischwunde keine Narbe geben. Ferres schüttelt das Ganze mit einem beruhigenden Lächeln ab und spricht viel lieber über ihre Rolle. Nach dem Schauspiel vom Sterben des reichen Mannes sei sie immer aufgewühlt: "Ich spiele eine Frau, die den Mann, den sie am meisten liebt, verlassen muss. Eiskalt wird da durch marschiert und ans eigene Leben gedacht." Hält sie den Jedermann für ein noch zeitgemäßes Stück?

"Es macht manche sehr betroffen. Jeder hat seine eigene Projektion des Jedermann. Für meinen Vater war es unlängst ein persönlicher Verlust. Jeder weiß, dass man in der Stunde des Todes einsam ist." Durch die Neuinszenierung sei das Stück belebt worden. Regisseur Christian Stückl habe Mut bewiesen, was auch ihrer Rolle zugute gekommen sei, sie lasse nun eine Entwicklung zu. "Das hat mir bei der Kritik geholfen." Gefreut hat sie besonders Lob aus dem Kollegenkreis: "Maximilian Schell hat mir zu meiner Konzentration gratuliert."

Welche Projekte plant sie nach Salzburg? Es wird gedreht, "Die Rückkehr des Tanzlehrers", ein Krimi von Henning Mankell. Interessieren sie in Salzburg auch andere Rollen, Schnitzler? "Sehr. Der künftige Schauspiel-Intendant Martin Kusej ist ein großer Visionär. Ich könnte mir das gut vorstellen." Überhaupt seien etliche viel versprechende Regisseure hier. "Marthaler, Thalheimer. Die gehen auf junge Leute zu." Was hat ihr die Buhlschaft gebracht? "Jedermann ist ein Traum. Ich hätte nie geglaubt, dass ich diese Chance hier kriege. Das ist ein Ritterschlag."

Ein journalistischer Einwand aus Wien: Der wahre Ritterschlag sei wohl ein Engagement am Burgtheater. Ferres lächelt: "Da müssen Sie mir dann helfen. Das ist unbedingt auch ein Traum von mir." Sie habe diesen Beruf gewählt, um den Zauber des Theaters weiterzugeben. "Das kann ich im Film und im Theater erfüllen." Nein, auf der Bühne sei es nicht schwerer zu spielen. "Es gibt viel mehr Zeit zur Vorbereitung. Beim Film muss man viel mehr allein erarbeiten." Traumrollen? "Ich würde gern in Stücken von O'Neill spielen, Tschechow, Schnitzler."

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.