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Interview: Behalte deinen Thomas Bernhard!

Eine Auswahl seines gewebten Lebenswerkes stellt Fritz Riedl bis 22. Februar in der Österreichischen Galerie Belvedere aus. Thomas Bernhard hat ihn literarisch in "Holzfällen" verewigt.

Kunst, Sex, Klatsch in der Wiener Nachkriegs-Szene: Fritz Riedl erinnert sich

Die Presse: Thomas Bernhard hat aus Ihnen eine literarische Figur gemacht in seinem Prosabuch "Holzfällen", 1984. Da sind Sie als Tapisseriekünstler und Freund der Familie "Auersberger" - das sind die Sängerin Maja Lampersberg und der kürzlich verstorbene Komponist Gerhard Lampersberg auf ihrem "Tonhof" in Maria Saal - vorgestellt. Freilich haben Sie keine gute Nachred'.

Fritz Riedl: Na ja, damals war ich mit der Joana Thul verheiratet, sehr gut verheiratet, sie war eine tolle Frau, gar kein Zweifel, aber sie war das, was man in Wien einen Kren nennt: Einer, von dem man alles haben kann, geistig vor allem. Deswegen haben sich sofort Leute an sie angeschlossen, das war zuerst die Wiener Gruppe mit Rühm usw., sie hat Chanson gemacht für sie; die waren immer bei uns. Dann kam der Lampersberg, er wollte eine Oper mit ihr machen, darum gab es die Einladung in den Tonhof. Dort haben wir gewohnt und den Thomas Bernhard kennen gelernt, der dort Kostkind war. Er wurde dort sehr lange Zeit durchgefüttert.

Sie haben auch selber in Wien viele Gäste eingeladen in dieser für Künstler kalten Zeit.

Riedl: Wir haben ein sehr großes Atelier in Wien bekommen beim Arenbergpark, am Sebastianplatz 7, wo wir dann ein Open House gemacht haben, jeden Mittwoch. Das war damals Besatzungszeit, da durfte jeder kommen, der eine Flasche Schnaps mitbrachte und etwas zu essen. Da kamen auch Diplomaten, und auch Österreicher, die die zurückkamen von der amerikanischen und englischen Armee, einer ist dreimal abgesprungen über Österreich. Später kam Jeannie Ebner. Musik wurde gemacht. Als die ungarische Revolution war, sind viele Ungarn zu uns gekommen.

Und Thomas Bernhard?

Riedl: Der war dann auch bei uns. Er ist an jedem Abend dagesessen und hat kaum ein Wort gesprochen, er ist von Gruppe zu Gruppe gegangen und hat zugehört. Auch wenn wir erschöpft den letzten rausgeschmissen haben, war das der Thomas Bernhard. Dann hat er begonnen zu reden und alle Leute ausgerichtet, die da waren. Wir haben uns gekrümmt vor Lachen, und das geschah monatelang. Dann ist er verschwunden, wieder gekommen. Besonders mit der Thul hat er sich gut vertragen, die hat ja jeden animiert zum Reden. Es ist ja ein Zufall, dass ich heute viel rede, ich rede ja normalerweise nicht. Dort war es auch so. Ich habe nichts geredet, ich hab gewebt, und später ist er dann allein gekommen. Wir hatten ein zweites Atelier, dann haben sich die zwei in dieses Atelier zurückgezogen und ich habe gesagt: "Es tut mir Leid, ihr redet bis zwei in der Nacht, und ich muss um sieben aufstehen, denn um halb acht sitze ich am Webstuhl. So hat sich dann eine gewisse Trennung vollzogen.

Getrennte Wohnungen?

Riedl: Die Thul war mit dem Bernhard da oben in der Simmeringer Hauptstraße 64, ich war am Sebastianplatz. Da wohnte z. B. zweimal als Gast Markus Prachensky bei mir, der hat mehrere Bilder, die Sebastianplatz heißen, bei mir gemalt. Irgendwie ist mir das dann aber zu bunt geworden. Ich habe ihr Hunderte Mal gesagt: Wenn du das nicht anders machen kannst, werde ich mich absetzen. Sie: "Nein, das wirst du nie können, du kannst mich nie aufgeben." Ich sagte, sie wird sich täuschen. Als ich die Einladung für eine Ausstellung in New York bekam, habe ich eine Freundin von ihr mitgenommen und gesagt: "Auf Wiedersehen. Behalte Deinen Thomas Bernhard."

Da war sie aber schon vorher - sie war Alkoholikerin - auf Kur. Nachher ist sie noch dreimal auf Kur gegangen. Da hat sie der Thomas sitzen gelassen, und sie ist langsam verkommen. Ich habe dann die Scheidung eingereicht, habe ihr eine halbe Million Schilling, das Auto, die Wohnung und das Atelier hinterlassen. Das Auto war in drei Monaten kaputt, das Geld in sechs Monaten aus. Sie hat dann noch verschiedene kleinere Sachen gekriegt vom Fernsehen.

Eine Trennung also im Bösen?

Riedl: Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes abgehauen. Ich habe gesagt: Ich halte das nicht mehr aus, entweder gebe ich die Weberei auf und komme zu Dir zurück, oder Du gibst den Thomas auf und kommst zu mir zurück. Damit war die Sache klar. Der Thomas hat mich nicht geliebt, aber er hat mich immer geschätzt und toleriert, und hat sich manchmal auch sehr lobend über mich geäußert. Ich hatte nie etwas gegen ihn. "Holzfällen" war schon eine Gemeinheit gegen Lampersberg, der wirklich sehr viel für ihn gemacht hat, und dass er Jeannie Ebner zerrissen hat, die ihm auch nichts Böses getan hat. Aber so war er eben.

Aber auch Sie erkennen sich wieder.

Riedl: Er hat halt Personen benutzt. Es stimmt ja in dem Buch die Hälfte nicht von dem, was er geschrieben hat von mir oder meiner neuen Frau: Dass sie die Tochter von einem Minister ist. Sie ist die Tochter eines Amerikaners, der in Mexiko gewohnt hat, die Mutter ist Mexikanerin, eine Hausfrau, die auch Malerin ist.

Die beste Freundin war es auch nicht, mit der ich durchgegangen bin. Mit der hab ich ja nur die Mexiko-Reise gemacht. Am Ende der Reise liegen wir in einer Wiese an der amerikanischen Küste, und plötzlich sagte sie: "Ich habe zwei Kinder. Zwei Söhne." Das wusste ich vorher nicht, und habe gefragt: "Wie alt sind die?" - "Na ja, sechs und acht Jahre." Ich habe gesagt: "Wo ist der Flugbeleg? Du fliegst sofort zurück nach Wien, aber schnell." Sie hat am selben Tag den Rückflug nach Wien genommen.