Perfekte Inszenierung

Der Wettstreit ist entschieden: Nach einem Monat medial ausgetragenem Zweikampf steht der Architekt für den berühmtesten Bauplatz der Welt fest: Daniel Libeskind.

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wei kurze Telefonate in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch waren es, die eine komplizierte Ge schichte vorerst beendeten: Alex ander Garvin, der führende Planer der Lower Manhattan Development Corp, teilte den beiden Finalisten des Wettbewerbs um die Neugestaltung von "Ground Zero" die Entscheidung mit: Das internationale Architektenteam Think (Rafael Vinoly und Frederic Schwartz) muss sich gegen Star-Architekt Daniel Libeskind geschlagen geben.

Schon fast eine Überraschung, hatte der amerikanische Architekt doch von Beginn an die undankbare Favoritenrolle zu tragen. Zudem schlug sich bei der Präsentation der beiden Pläne Anfang Februar die öffentliche Meinung eindeutig auf die Seite der zwei vergitterten Türme von Think. Als kitschig, verkümmert, langweilig bezeichnete die "New York Times" den spitzen, wie ein Zeigefinger aus New Yorks Skyline ragenden Turm von Libeskind.

Der Meinungsumschwung zu Gunsten des 56jährigen, gebürtigen Polen vollzog sich erst in den letzten Tagen. Bürgermeister Michael Bloomberg war wohl der stimmkräftigste Verfechter der "Gardens of the World", wie Libeskind sein Ensemble nennt. Mit transparenten Wänden und von Gartengeschossen durchzogen, soll das Hauptgebäude das höchste Haus der Welt werden: Mit 530 Metern überragt der Wolkenkratzer die Petronas-Zwillingstürme in Malaysia um 85 Meter. Das zerstörte World Trade Center hatte nur 417 Meter.

Diese Superlative hätte allerdings auch die Konkurrenz geschafft. Als Begründung der Entscheidung zitiert die "Washington Post" einen Eingeweihten: Der Plan von Libeskind sei billiger und beinhalte einen Gedächtnis-Ort, der die Angehörigen der Terror-Opfer "happy" macht: Das Fundament der früheren WTC-Türme im Zentrum des 6,4 Hektar großen Areals wird freigelassen. Ein "Platz für Reflexionen" ist hier eingeräumt, auf dem das Sonnenlicht jedes Jahr am Morgen des 11. September ohne Schatten einfallen soll. An der "Promenade der Helden" soll dann ein Denkmal errichtet werden - ein eigener Wettbewerb folgt.

In Sachen Inszenierung hat dieser weltweit fokussierte Architektur-Wettstreit auch auf einer nicht sachlichen Ebene neue Standards gesetzt: Angestachelt durch die hochemotionale Beteiligung der Bevölkerung, die eine erste Auswahl wieder kippte, buhlten die Architekten in einer bisher in dieser Branche noch nie erreichten Selbstinszenierung um Zustimmung. Auftritte in Talk-Shows, Interviews mit Hochglanzblättern und Email-Werbung hoben Libeskind und seine Konkurrenz in den Glanz von Kinostars. Das Rolling Stone Magazine fragte Listen von Libeskinds "liebsten Dingen" ab, seine schwarze Lederjacke, Brille und Cowboystiefel wurden zu Themen in Stil-Kolumnen und Online-Foren. Auf seiner poetischen Homepage erklärt Libeskind in einem pathetischen Brief seine Pläne. Ein intellektueller, eigenwilliger Künstler inszenierte plötzlich die perfekte Medienshow.

Eine Popularität, die der 1946 als Sohn jüdischer Eltern in Lodz Geborene einst als Pianist hätte erlangen können. Hoch musikalisch begabt, spielte er als Kind einige Konzerte in Israel, wo die Familie drei Jahre lebte. Doch nach der Einreise in die USA 1960 gewann die Architektur das volle Interesse des Teenagers. Mehr Theoretiker als Verwirklicher gelang Libeskind mit der Fertigstellung des Jüdischen Museums in Berlin, 1999, der Durchbruch in die breite internationale Bekanntheit. Nur zwei weitere seiner Gebäude sind heute bereits real: das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück und das Imperial War Museum in Manchester.

Vor allem Museum- und Kulturbauten waren es, die den Architekten bisher reizten. Auf den harten Boden des Kommerzes könnte Libeskind jetzt mit seinen "Gardens of the World" fallen: Weder die Finanzierung der geschätzten 302 Millionen Euro Kosten noch die rechtliche Situation um die Nutzfläche sind geklärt. Inwieweit das fertige Produkt nach den geschätzten 10 Jahren Bauzeit noch mit Libeskinds monumentaler Vision übereinstimmt, wird sich nach dem Tauziehen um Tiefgaragen, Geschäftsmeilen und Büroflächen weisen.

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