Fons Matthias Hickmann hat die Klasse für Graphik-Design zur größten der Universität für angewandte Kunst gemacht. Der junge deutsche Professor im Gespräch über Fußball und das Überleben ohne Design.
Eigentlich wollte er Fußballer werden. Doch "das hätte ich körperlich nicht durchgehalten". Jetzt organisiert Fons Matthias Hickmann eben jedes Jahr ein Fußballturnier an der Wiener Universität für angewandte Kunst, wo er im Herbst 2001 die Graphik-Design Klasse von Tino Erben übernahm. Beim letzten Turnier hat sein Team auch gewonnen, was ihm ein wenig unangenehm ist - aber wichtig ist dem 37jährigen Professor der Kontakt zwischen den Studenten der verschiedenen Disziplinen.
"Ich möchte nicht, daß meine Studenten reine Typographen sind, sondern alle anderen bildnerischen Disziplinen erlernen und damit flexibel umgehen können", legt der Designer, der auch einmal Philosophie, Photographie und Germanistik studiert hat, die Latte hoch. "Ich habe mir vorgenommen, diese Abteilung grundlegend neu aufzubauen. Mit neuen Inhalten, interdisziplinärer. Auch die Theorie ist wichtig und über den Tellerrand zu gucken."
Dazu gehört auch die Teilnahme an internationalen Wettbewerben - fast alle bedeutenden, wie etwa den New Yorker TDC (Type Directors Club) Award hat Hickmann bereits selbst, teilweise mehrmals, gewonnen. Für die Homepage der Meisterklasse wurden er und seine Studenten gleich zu Beginn seiner Wiener Zeit mit dem Joseph-Binder-Award 2002 ausgezeichnet.
Dieses Engagement scheint sich herumgesprochen zu haben: Die Graphik-Design Klasse hat sich unter seiner Leitung zur größten der Angewandten gemausert. 50 Studenten zählt sie zur Zeit - mehr als die Hälfte davon sind Frauen: "Wir haben extrem hohe Bewerberzahlen, pro Semester etwa 120, auch aus dem Ausland. Aufnehmen können wir fünf, maximal zehn." Wie erklärt er sich den Ansturm? Sehr diplomatisch die Antwort: "Das kann ich nur neutral so stehenlassen."
Ein Grund dafür ist neben den laut Hickmann ausgezeichneten Job-Chancen sicher eine neue Offenheit: "Ich nenne die Klasse anders - ,Graphik-Design und Neue Medien'. Weil Graphik-Design allein faßt nicht, was ich mache. Es ist nur ein Aspekt und außerdem ein Klischee."
Der richtige Name
"Bei Graphik-Design denkt man nur an Print. Aber wir machen auch Web-Design, interaktive Medienanimation, Filme. Das beste Wort, das aber kein schönes ist, ist Kommunikationsdesign, wie es auch in Deutschland genannt wird. Einen richtig guten Namen habe ich noch nicht gefunden."
Und über diesen denkt der 1966 in Hamm in Westfalen Geborene sicher schon lange nach. Mit 17 entwarf er sein erstes Plakat für die Band seiner Freunde. Das Studium konnte er sich schon durch seine Arbeiten finanzieren. "So gesehen übe ich diesen Beruf bereits ziemlich lange aus, auch wenn ich für einen Professor vielleicht relativ jung bin", schmunzelt Hickmann.
Die Hälfte der Zeit lebt er in Wien, den Rest in Berlin, wo er seit drei Jahren das Design-Büro M23 betreibt. Hauptsächlich wird hier für Theater, Museen, Veranstaltungen gearbeitet. "Wir betreuen aber auch Deutschlands älteste Frauenzeitschrift, ,Frau und Mutter', von der katholischen Frauengemeinschaft". Zur Zeit sorgt Hickmann in Deutschland für Aufregung um das offizielle Logo der Fußballweltmeisterschaften 2006 - "um nicht die Schmach auf uns sitzen zu lassen, daß es in Deutschland kein gutes Graphik-Design mehr gibt!". Die vier Kreise mit den lachenden Gesichtern darin hält er für "peinlich" und schloß sich mit zehn Kollegen zur Rettungs-Initiative zusammen (www.11designer.de).
Kultur ist kein Konsumgut
Mit kommerzieller Werbung will der Graphik-Designer Hickmann jedenfalls nichts zu tun haben. "Das ist kein Hauptgebiet bei uns. Da habe ich eine sehr kritische Haltung." Aber sind Plakate nicht per se immer Werbung? "Von außen betrachtet kann ich das nachvollziehen. Aber was wir Graphik-Designer hauptsächlich machen, sind Plakate für kulturelle Events. Ob sie ein Waschmittel verkaufen oder ein Theaterstück - das ist schon ein Unterschied. Und ich kann Kultur nicht als Konsumgut begreifen."
Die gesellschaftliche Aufgabe von Design ist Hickmann wichtig: "Wir vermitteln die Information. Jedes Straßenschild ist Graphik-Design. Es umgibt uns permanent. Ob wir etwas trinken können oder nicht, wissen wir nur, weil es dementsprechend gestaltet ist. Wenn ein oranges Quadrat mit einem schwarzen Kreuz darauf wäre, wissen wir, es ist nicht trinkbar. Nur weil ein Designer dieses Zeichen so visualisiert hat, daß wir es verstehen." Können wir denn überhaupt überleben ohne Design? "Zumindest hätten wir große Probleme".