Sentimentale Reise einer großen Grenzgängerin: Inge Moraths Abschied von der Südsteiermark

Multimedial wird Inge Morath in Graz gefeiert. Eine Ausstellung im Künstlerhaus, ein Film und ein Buch sind der vor einem Jahr verstorbenen Photographin gewidmet - berührende Dokumente einer starken Persönlichkeit.

"Ich bin ein Snob", gestand Inge Morath einst ihrem Mann Arthur Miller. Die weltberühmte Photographin meinte damit, daß sie niemals im Mittelpunkt stehen wollte, sondern nur am Rande einer Menschenmenge, um das Ganze besser beobachten zu können.

In der gar nicht versnobten Kulturhauptstadt Graz steht die im Vorjahr verstorbene Künstlerin nun aber voll im Zentrum der Aufmerksamkeit. Es ist durchaus möglich, daß das Projekt "Grenz.Räume: Inge Morath - Letzte Reise" zu den dauerhaften von Graz 2003 gehören wird, gültig noch, lange nachdem die Murinsel den Bach hinuntergeschwommen ist und der Uhrturm sich von seinem Schatten befreit hat. Im Künstlerhaus wurde am Donnerstag die Ausstellung mit Bildern ihrer letzten Reisen in die südsteirisch-slowenische Heimat eröffnet, der gleichnamige Film Regina Strasseggers hatte Premiere.

Die Schau im Künstlerhaus hat einen zweifachen Reiz. Man kann dort Moraths Bilder als behutsame, elegische Annäherung an das Idyll ihrer Kindheit in den zwanziger und dreißiger Jahren deuten. Zugleich aber sieht man diese Annäherung aus der kongenialen Perspektive von Künstlerkollegen: Morath wurde nicht nur von Strassegger und ihrem Kamerateam, sondern auch von den Photographen Stojan Kerbler und Branko Lenart begleitet. Im Fokus der Kollegen steht kein überhebliches Genie, sondern eine hart arbeitende Frau, die sich dreht und wendet, tänzelnd und traumwandlerisch, um die ideale Perspektive zu finden, seltsam verkniffen in dem Moment, bevor sie auf den Auslöser drückt. Die Werke Kerblers und Lenarts werden auf Stelen mitten im Raum präsentiert, umgeben von Inge Moraths schwarz-weißer Abschieds-Symphonie.

Krankheit zum Tode

Noch deutlicher ist die Beobachtung der Beobachterin in Strasseggers profundem Film zu sehen, den am Sonntag um 21.15 Uhr 3sat und um 23.15 ORF2 ausstrahlen. Auf fast schmerzhafte Weise wird gezeigt, wie Morath klickt. Die todkranke Künstlerin hat es zugelassen, daß Strassegger ihr Leid und ihr Lächeln, ihre spontane Wiedersehensfreude und auch ihre höfliche Distanz zu den Menschen dokumentiert: viele intensive Bilder, manchmal grausame, oft auch komische. Störend ist die Überladung durch Kommentare, besonders wenn man die unter Schmerzen leidende Künstlerin sieht und zugleich der Sprecher auf den nahenden Tod aufmerksam macht.

Die göttliche Monroe

Zu den grandiosen Szenen zählt das Bauernschnapsen von vier Charakterköpfen in einem der Dörfer an der Grenze. Oder der köstliche Sketch, in dem die Dorfbewohner Morath nur über ihren berühmten Ehemann Miller definieren, und - Infamie heimtückischer Dörfler - über dessen Ex-Frau, die göttliche Monroe.

Arthur Miller kommt des öfteren zu Wort, als Bindeglied zwischen den einzelnen Szenen, die von der steirischen Weinstraße bis nach Slovenj Gradec führen und eine neue Vertrauensbildung alter Nachbarn offenbaren. Miller durchblättert Photographien der letzten Reise, streicht sanft darüber. Seine Frau ist schon tot. Die Szenen mit Miller zeigen, daß der Film gewissermaßen Fragment ist. Die Schlußbilanz, die Morath nach ihrer langsamen Heimkehr hätte ziehen sollen, bleibt aus.

Der hinterbliebene Gatte thematisiert auch eine weitere große Leerstelle in dem Dokument. Morath und ihre Lebensfreundin Renate Moszkowicz vom Haus an der Grenze werden einsilbig, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus geht. Das Verdrängte wird von Strassegger in historischen Szenen belehrend nachgereicht. Renate Moskowicz ist die Tochter des Gauhauptmannes Dadieu. Ihr späterer Mann Imo Moskowicz überlebte das Konzentrationslager Auschwitz. "Die Idyllen einer Jugend sind heilig," sagt Miller an einer Stelle, die auf die dunklen Kriegsjahre Bezug nimmt. Eine große Geste eines souveränen Mannes.

Auch Imo Moskovicz stellt in einer eindrucksvollen kurzen Rede am Premierenabend das Verbindende voran, spricht von der Zuneigung der Künstlerin zu den Menschen auf der anderen Seite, von ihrer steten Suche nach Harmonie. "Die Inge und meine Renate waren wie Grenzgängerinnen." Über die große Morath teilt er eine Beobachtung mit, die einen essentiellen Teil ihres Wesens enthüllt: "Sie schleppte wie ein ewiger Emigrant die Heimat mit sich." Moskovicz lächelt still mit dem versöhnenden Lächeln eines Wissenden.

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