Teufelsfratzen und Tod im Venedig des Nordens

Kunst aus St. Petersburg in Graz, im Forum Stadtpark und bei "Rotor".

Zaghaft breitet sich das Wasser über die Bildschirme. Tropfen ziehen sich zu einer glänzenden Schichte zusammen, füllen ein Behältnis aus Plexiglas, die Quelle ist ein zierlicher Springbrunnen in der Mitte.

Im Beckenboden flackern die Videosequenzen - einfache Friedhofskreuze in herbstlicher Umgebung, dann zieht die Fahrt durch einen Tunnel den Blick auf eine mittelalterliche Zeichnung: Ein Dämon ringt mit einer armen Seele. Ein Blick ins andere Reich, vielleicht trifft auch ein Blick aus ihm heraus, ins Heute, ins Leben, in die Galerieräume von "Rotor" in Graz.

Hier hat Vladimir Kustov seine Installation "Die Stadt der nukleiden Phantasmagorien". An den Wänden mehrfach belichtete Photographien von Teufelsfratzen, wie sie an Hauswänden in St. Petersburg zu finden sind - alltägliche Konfrontation mit dem Tod.

Die Beschäftigung mit dem Sterben hat eine ganze Künstlergruppe geprägt, die Nekrorealisten. Obsessiv spüren sie dem Nichtfaßbaren nach in ihren Photographien, Filmen, Installationen. Eine radikale Kunstbewegung, die beim St. Petersburg-Schwerpunkt den tiefsten Eindruck hinterläßt.

Warum richtet Graz den Blick so weit in den Nordosten? War es die Nähe der Petersburger Kunst zu österreichischer Schwermut? Das 300jährige Bestehen der Stadt? Daß sie sich auch, aber erfolglos, als Kulturhauptstadt beworben hat? Vor allem hat wohl das engagierte Projekt - von Herwig Höller, Judith Schwentner und Bernhard Wolf - überzeugt. Über 50 Künstler zeigen die Entwicklungen in der bildenden Kunst, in Video-Art, Photographie, Performance, Literatur, Musik, Architektur - als sich stetig verändernden Fluß, als work in progress im Forum Stadtpark, als kompakte Schau bei "Rotor".

Drei Künstler werden bei "Tod im Venedig des Nordens" vorgestellt, darunter Evgenij, der Begründer des Nekrorealismus. Seine Stummfilme und Schwarzweiß-Photos markieren die skurrilen Anfänge: Ziellos durch Wälder streifende Männer, die scheinbar unmotivierte, sinnlose Gewaltakte begehen - etwa eine Puppe prügeln, erhängen.

Bis heute verehren die Nekrorealisten einen österreichischen Mediziner als "Chefideologen": Eduard Hofmann (1837 bis 1897), Begründer der Gerichtsmedizin. In einem Lehrbuch beschrieb er die verschiedensten Selbstmordarten.

Der dritte Künstler bei "Rotor" zeigt einen anderen Zugang zum Thema Verderben, Verwesen, Tod - nicht umsonst gilt St. Petersburg als russische Hauptstadt des Verbrechens: In einer Photoserie hielt Dimitrij Subin Orte fest, an denen einst Morde verübt wurden - doch kein Indiz weist in den sonnigen Parks, an den tristen Straßenecken und Häuserfronten mehr auf die Bluttat.

Kühl, distanziert, teilnahmslos bildet sie Subin ab. Lapidar klärt ein kurzer Nachrichtentext über die Geschehnisse auf.

Zu makaber? Heiterer geht es im verschneiten Stadtpark zu. Vor dem Forum hat Viktor Snesar eine "Altrussische Garage" aufgebaut, mit Säulen und rustikalen Ornamenten. Kirill Suvalov überzieht die Wände im Forum mit einem Comic, das erzählt, wie die russische Literatur, herabstürzende Bücher von Dostojewskij, Gogol und Tolstoi die Stadt St. Petersburg in Schutt legen.

Im Nebenraum wird ein historisches Photo malerisch auf Wandgröße übertragen, Olga Kiseleva hat das Cafe in ein russisches verwandelt - ein Stück Heimat in Graz.

Im Keller weht wieder ein Hauch Mystik: Das Künstlerinnen-Duo Gljuklja und Caplja inszeniert in einem schmalen Gang den "Chor der singenden Kleider". Wie leere Hüllen flankieren die Kleidchen den Durchschreitenden und erzählen, motiviert durch Bewegungsmelder, ihre traurigen Geschichten und klingenden Weisen. Ein Gruß aus einer Kultur, fern und doch unheimlich vertraut.

Forum Stadtpark: bis 8. Februar, Rotor: bis 15. Februar.

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