Wien - Budapest und retour: Atmosphärische Überflutung

"Zeit des Aufbruchs": Das Kunsthistorische Museum zeigt im Palais Harrach Parallelen und Unterschiede zwischen der Kunst von Wien und Budapest. Ein üppiger Überblick vom Historismus zur Moderne.

Wilde Romantik gleich zu Beginn: Ein schwer am Horizont lastender Sonnenuntergang von László Paál und das bittere Paar der butterschlagenden Frau mit Mädchen, gemalt von Mihály Munkácsy. Beide Gemälde sind 1873 entstanden. Es ist das Jahr, in dem aus den Städten Buda, Obuda und Pest die ungarische Hauptstadt Budapest wurde. Und es ist das Jahr, in dem die Weltausstellung die Perspektiven der Kaiserstadt Wien erweiterte.

Eine "Zeit des Aufbruchs" begann hier einst, eine Ausstellung im Wiener Palais Harrach läßt diesen Geist wieder wehen. Gemeinsam mit dem Collegium Hungaricum stellt das Kunsthistorische Museum den Vergleich zwischen der Kunst in Budapest und Wien in der Zeit von Historismus bis Avantgarde an. Das bedeutet einen Zeitraum von etwa 1870 bis 1920 und die künstlerische Spannbreite von Franz Matsch bis Egon Schiele. Mit 600 Objekten aus ungarischen, österreichischen Museen, verteilt auf zwei Geschoße und 2000 Quadratmeter, ist "Zeit des Aufbruchs" die größte Präsentation, die hier bisher vom KHM gezeigt wurde.

Aus den Räumen blitzen die Farben und Formen, hier der Teil eines gelborangen Treppengeländers, dort das ernste Porträt der "Königin Elisabeth" von Gyula Benczúr, aus 1899, in dem kein Funken des Sissi-Images glimmt. Weiß strahlt ein Architekturmodell, golden die Stickereien an einer Festtagstracht, nobel die Lasur des Herend-Porzellans.

Charmant überfordernd

Einmal bäumt sie sich in diesen Jahrzehnten noch einmal auf - die Lust zum Repräsentieren, ein Übermaß an Farben und Ornament. Eine üppige Ausstellung ist hier gelungen, die trotz eines Schwerpunkts Malerei auch die angewandte Kunst mit Mosaiken, Glasgemälden, Teppichen, Mode würdig aufnimmt - in dieser Kleinteiligkeit bewußt überfordernd. Charmant ist auch die Zusammenstellung der Räume nach Themen. Den Ehrgeiz, einen chronologischen Überblick zu bewahren, darf man hier ruhig hintanstellen und sich atmosphärisch überfluten lassen. Im Katalog vermißt man mehr Übersichtlichkeit jedoch schmerzvoll.

Schön klar gelangen im Palais Harrach direkte Vergleiche, wie die Gegenüberstellung der Entwürfe für die Österreichische Postsparkasse (1903) und dem ungarischen Pendant (1901), beide von zwei richtungsweisenden Meistern ihres Landes gestaltet: Otto Wagner (1841-1918) und Ödön Lechner (1845-1914). Die Parallelen zwischen den beiden Architekten, die einander nur einmal begegneten, faszinieren: 1911 erhielten sie etwa gleichzeitig den Großen Preis für Architektur in Rom.

Bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts verläuft die Entwicklung in Wien und Budapest weitgehend parallel. Der Historismus prägte das Stadtbild beider Großstädte. Der Austausch florierte.

Nach München und Paris

Mit den ersten Ansätzen der Moderne, mit der Gründung der Secession 1897 in Wien, entstehen voneinander unabhängige Künstlergruppen. Eine neue Generation zieht es zum Studium nach München und dann vor allem nach Paris. Die Wiener blicken nicht mehr in die Nachbarschaft, die Ungarn arbeiten an der Ausarbeitung eigener Stilrichtungen, etwa im Jugendstil.

Während man im ersten Stock dem Gesamtkunstwerk auf die Spur geht, dem städtischen und gesellschaftlichen Leben, den Festzügen, dem Theater, der Musik, dem Porträt, eben der Repräsentation, dominieren im zweiten Stock die Einzelkünstler und Gruppen der Moderne.

1896 gründete Simon Hollósy die erste Künstlerkolonie in der Kleinstadt Nagbánya, wo der Freiluftmalerei, dem Impressionismus und einem Stimmungssymbolismus gefrönt wurde. Die Farben sind kräftig und strahlend. In Gödöllo verschrieb man sich einem bodenständigen Jugendstil und dem Kunsthandwerk.

Stark waren auch die Einzelgänger, wie der erst spät zu Ehren gekommene renommierteste Maler der Jahrhundertwende, Jószef Rippl-Rónay (1867-1927), der experimentierfreudige János Vaszary (1867-1939) oder der in seiner Innenwelt verhaftete Lajos Gulácsy (1882-1932).

Am Schluß begegnet man dann noch Vertrauten: Unter dem Namen "Neukunst" präsentierte sich die extreme Wiener Avantgarde in Budapest: Kokoschka, Schiele, Kolig, Faistauer, Schönberg, Gütersloh. Ein großer Erfolg. Und heute wird klar - hier lag die Zukunft.

Bis 22. April. Täglich 10-18 Uhr.

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