Albertina-Eröffnung: Wien aus der Raketenperspektive

Zur Eröffnung gibt die Albertina erstmals einen umfangreichen Eindruck ihrer seit 1999 massiv erweiterte Fotosammlung: "Das Auge und der Apparat".

Eine Rolltreppe gleitet hinunter in die neue unterirdische Ausstellungshal le der Albertina, eine Art Dunkel kammer der besonderen Art: Erstmals wird hier die hauseigene Fotosammlung praesentiert. Es braucht eine kurze Schrecksekunde der Orientierungslosigkeit inmitten der Fülle von 250 Exponaten, bis sich die Logik der Ausstellung erschließt. Und die erweist sich als durchaus bezwingend. Eine Geschichte der Fotografie von 1839 bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts soll erzählt werden - nicht die einzig gültige, nicht chronologisch, sondern in acht nebeneinander stehenden, einander überschneidenden Kapiteln, die auch berücksichtigen, wie man in den verschiedenen Perioden und Verwendungszwecken mit der Fotografie umging.

Herausgehoben ist nur ein geraffter Überblick der wichtigsten Entwicklungsschritte zu Beginn, dann findet man sich mitten im ersten Jahrzehnt des neuen Mediums, 1839 bis 1850. Hier werden die beiden wichtigsten Erfinder - Daguerre und Talbot - wie die ersten beiden Techniken der Bild-Revolution vorgestellt, die Daguerreotypie und die vervielfältigbaren Salzpapierabzüge, mit denen William Henry Fox Talbot 1844 auch "The pencil of nature" illustrierte, das erste Buch, das mit Fotografien bebildert wurde.

In Wien fand im Mai 1864 die erste fotografische Fachausstellung im deutschsprachigen Raum statt. 10.000 Besucher stürmten die Räume im Palais Dreher in der Operngasse. Der Einfluss der Malerei war nicht nur in den Sujets klar sondern auch in der Form der Präsentation, die damals die Wände bis zur Decke zupflasterte. Doch zwischen künstlerischer, alltäglicher oder wissenschaftlicher Abbildung unterschied man damals noch nicht. Letzterer gilt die nächste Geschichte. Unter Bewegungsstudien von Marey, mikroskopischen und Blitz-Aufnahmen berührt eine Ausdrucksstudie, die die Verzerrungen des Gesichts durch die Einwirkung von elektrischem Strom zeigt.

Eine angenehmere Skurrilität sind die Experimente, mit denen der Raum eingefangen werden sollte: Der sogenannte Maul'sche Raketenapparat, 1903 patentiert, integrierte eine Kamera in ein Geschoß, um die Welt von oben zu sehen. Dasselbe gelang vom Stephansdom aus: Unter unglaublichem Aufwand entstand hier 1860 eine zwölfteilige Panoramaserie von Wien.

Die zwei Herzstücke der Ausstellung erklären auch die Fülle der Fotosammlung der Albertina, die vor drei Jahren mit der Gründung einer neuen Abteilung in den selben Rang wie die Zeichnung und Grafik gehoben wurde. Innerhalb weniger Monate erhielt man im Jahr 2000 zu den eigenen Bestände zwei Dauerleihgaben: Die historischen Fotosammlungen der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt, die, 1866 gegründet, die erste staatliche Ausbildungsstätte fuer Fotografie war - Dora Kallmus (Madame d'Ora), Rudolf Koppitz, Wilhelm Angerer, Peter Paul Atzwanger lernten hier; Fotografie als Propaganda-Instrument zeigt das von der Ludwig-Stiftung der Albertina zur Verfügung gestellte Archiv des Karl-Robert-Langewiesche Verlags. Die zwischen 1904 und 1960 massenhaft produzierten Bildbandreihen "Die Blauen Bücher" und "Der eiserne Hammer" bereiteten deutsche Kulturgeschichte für den leichten Konsum auf. Aber eben nur "eine" Kulturgeschichte, wie auch die Ausstellung in der Albertina nur eine Geschichte der Fotografie unter vielen erzählen kann.

Bis 8. Juni, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr.

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