"Es geht mir genau darum, dass es eben keine Fotografien sind": Robert Longo im "Presse"-Gespräch.
Die Presse: Sie lieben Wien und Sie lieben die Albertina, haben Sie mir vor einem Jahr erzählt, als Sie gerade ihre "Wellen" in der Galerie Steinek ausstellten . . .
Robert Longo: Ich liebe die Kunst hier, deshalb bin ich in Wien. Gestern war ich ganz allein in der Munch-Ausstellung: großartig. Es sollte einen Raum am Ende der Ausstellung geben, in dem man entweder Sex machen oder weinen kann. Es ist so unglaublich sinnlich! Das letzte Mal, als ich hier war, sah ich an die 200 Schiele-Zeichnungen. In New York sehe ich nicht so viel Kunst . . . Diese Zeichnungen hier in der Albertina - allein Dürer und Rembrandt! Nie würde ich mich mit ihnen vergleichen. Aber es ist interessant, ihre Zeichnungen in dieser intimen Form zu sehen, ohne Glas dazwischen. Ich sehe sie wie eine Notiz, eine Bemerkung von einem Künstler zum anderen.
Ich selbst sehe mich eher als Bildhauer. Ich arbeite mit der Hand, verwische das Material, lösche es wieder aus. Aber ich zeichne die ganze Zeit.
Die Presse: Ihre Zeichnungen wirken aus der Entfernung mehr wie Fotografien . . .
Longo: Ja, einmal kam eine Frau in eine meiner Ausstellungen, schaute sich um und sagte: "Lauter Fotografien!" Aber mir geht es genau darum, dass es eben keine Fotografien sind. Schauen wir die Geschichte der Menschheit an: Zuerst zeichneten wir auf Höhlenwände, wurden immer besser, dann machten wir perfekte gegenständliche Bilder - und plötzlich, so um 1830, erfand jemand die Kamera! Das hat damals alle völlig fertig gemacht! Dann setzten die Künstler ihren ganzen Ehrgeiz darein, Bilder zu machen, die die Kamera nicht machen konnte.
Ich bin überflutet von Bildern aufgewachsen, etwa im "Life Magazine". Damals explodierte die Welt vor gegenständlichen Bildern, die nur mit der Kamera möglich waren. Was ich versuche, ist den Gegenstand wieder für die Abstraktion zurückzufordern. Ich bin ein großer Fan des abstrakten Expressionismus: Ich mag die Größe der Formate. Ich glaube, das war die erste wirklich große amerikanische Kunst. Barnett Newman sagte, dass abstrakte Maler eigentlich gegenständliche Künstler sind, die abstrakt arbeiten. Ich sage: Ich bin ein abstrakter Maler, der gegenständlich arbeitet.
Die Presse: Aber die Serie der Wellen oder die Serie nach Fotografien der Wohnung Freuds sind doch wirklich nicht abstrakt . . .
Longo: Die sind sehr abstrakt! Vergleichen Sie die Zeichnungen doch einmal mit den realen Vorbildern!
Die Presse: Sie arbeiten nach Fotografien. Aber ihre Zeichnungen wirken aus der Ferne wie Fotografien. Es ist, als ob Sie die - sagen wir einmal: altmodische - Technik der Zeichnung kaschieren wollten . . .
Longo: Ich war heute im Museum moderner Kunst und in der Kunsthalle. Ich dachte mir, das schaut alles hier so altmodisch aus - das schaut alles aus wie Kunst! Es war schrecklich, sehr uninteressant. Was Sie altmodisch nennen, ist für mich sehr radikal. Die Zeichnung ist der Bastard der Kunst - nicht Malerei, nicht Skulptur, dazwischen.
Ich gebe der Zeichnung ein Format, das in dieser Größe in der Tradition nicht existiert hat. Und ich benutze Fotos als Basis, weil das meine Sprache ist, die Welt, in der ich aufgewachsen bin. Die Leute heute denken fotografisch. Ich will Zugang zu diesem Gedächtnis. Beim Blättern im Buch mit den Freud-Fotos hat mich tief betroffen: Das ist der Platz, wo dieser Mann sich mit diesen dunklen tiefen Geheimnisse im Gehirn beschäftigt hat - und draussen auf der Straße haben die Nazis diese umgesetzt!
Dann habe ich diese Fotografien genommen und den Ort analysiert. Ich war ja nie selbst im Freud-Museum. Wenn man das Bild eines Bildes malt, ist es ein Versuch, es zu besitzen. Wenn jemand das Porträt einer Frau malt, ist es ein Weg, sie zu absorbieren. Die Arbeit an meinen Bildern ist wie Therapie für mich.
Die Presse: Wie haben Sie das Buch mit den Freud-Fotografien entdeckt?
Longo: Ende der Achtzigerjahre war mein Werk voller Bilder und Stile. Und ich wollte ein bisschen weniger jugendlich sein. Das ist sehr schwer, besonders als Mann. Ich machte eine Art Wunschliste von Dingen, die ich attackieren wollte. Darunter die Psychoanalyse. Ein Freund von mir zeigte mir dann das Buch. Die Person Freud hat mich fasziniert, mit ihrem unglaublichen Einfluss auf die Gesellschaft - kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, mit dessen Konsequenzen wir bis heute leben müssen, bis in diese Minute, wenn man an den Nahen Osten denkt.
Die Presse: Wie denken Sie als New Yorker über den Irak-Krieg?
Longo: Ich bin schrecklich enttäuscht von meiner Regierung. Hier in Wien kommt es mir so vor, als wenn ich jedem sagen müsste: Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir wirklich leid! Es ist absolut Furcht erregend. Jedenfalls bin ich ziemlich involviert in die Anti-Kriegs-Bewegung in New York.
Vor sechs Monaten habe ich meinen Kinder Fotos von Atom-Tests gezeigt. Sie hielten es für einen Tornado, einen Hurrikan. Sie glaubten, es sei Natur. Und ich wusste: Das ist es, was ich nach der Serie der "Wellen" machen muss. Es geht um den Menschen, der Natur schafft. Freud hat versucht zu erforschen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Die "Wellen" zeigten die Kraft der Natur. Und jetzt möchte ich zeigen, was passiert, wenn Menschen ihren Kopf benutzen und dann "Natur" erfinden.