Peter Gorsen versuchte ein Vierteljahrhundert, angehenden Künstlern die Theorie näherzubringen. Jetzt geht er in Pension.
N.N. (nicht nominiert) steht an der Tür seines Büros im alten Trakt der Universität für angewandte Kunst. "Lassen Sie sich davon nicht abschrecken", sagt Peter Gorsen und weist den Weg zu seinem letzten Interview als Vorstand des Instituts für Kunstgeschichte. Es klingt nur ein klein wenig bitter. Gerade räumt er seine Bibliothek, seinen Platz, den er 25 Jahre lang wortgewaltig innehatte.
"Ich hatte am Anfang nur einen Tisch und einen Stuhl aus dem Keller."
"Als ich nach Wien kam, habe ich ja überhaupt nirgendwo landen können. Ich bin in keiner Loge, war nicht auf dem Schotten-Gymnasium und auch sprachlich ein Außenseiter. Und ich wurde immer verdächtigt, ,der ist von der SPÖ$!F'. Ich habe damals sympathisiert, aber ich war nie Mitglied!"
Seine Spezialgebiete eigneten sich noch dazu wirklich nicht als harmlose Blüten für Kunstgeschichte-Smalltalk: Sexualästhetik, Rezeption von Pornographie, Proletkult, Frauen in der Kunst. Das von Gorsen herausgegebene Buch "Das Prinzip Obszön" wurde 1969 zum Erfolg.
Leicht hatte es der 1933 in Danzig Geborene nicht, als er damals mit diesem wissenschaftlichen Gepäck, nach Dozentenstellen in Frankfurt und Giessen, in Wien antrat. "Damals gab es in den Geisteswissenschaften eine große Neuorientierung unter Kreisky/Firn
berg: Interdisziplinarität und Wissenschaftlichkeit wurden gefördert. Das war ja hier nicht an dieser Schule - sie folgte noch der Tradition der Kunstgewerbeschule, das heißt, hier wurde damals noch nicht wissenschaftlich gearbeitet".
Gorsen hatte den Auftrag, die Lehrkanzel für Kunstgeschichte an der Angewandten zu gründen - "ich hatte nur einen Stuhl und einen Tisch aus dem Keller", erinnert er sich an seine Wiener Anfänge - und auch an den ersten Schock: "Ich kam von der Universität und war entsetzt über die Studenten hier, die mit Mühe dazu zu bewegen waren, ein paar Bücher zu lesen. Es gab immer Ausnahmen, aber das waren eben Ausnahmen." Mit Ende 2002 hat sich der 69jährige Intellektuelle ins Privatleben zurückgezogen. Seine Nachfolgerin kennt er kaum - die Kunsthistorikerin Gabriele Werner von der Humboldt-Universität Berlin, ebenfalls mit Spezialgebiet Frauenkunstgeschichte und "gender studies". Auch am Institut hätte es qualifizierte Nachfolgerinnen gegeben. Warum dann eine auswärtige, noch eher unbekannte Wissenschaftlerin?
Gorsen, der bekennende Feminist, beherrscht sich: "Ich möchte nichts direkt zur Berufung sagen, es ist ein guter Brauch, daß der amtierende Professor auf die Nachbesetzung keinen Einfluß hat. Aber ich möchte etwas zur Ausrichtung der Disziplin sagen, wie ich sie hier eingerichtet habe."
Eine Mitarbeitern verläßt leise das gemeinsame Büro, Gorsen blickt ins Leere. "Ich war damals die erste akademische Institution, die überhaupt so etwas wie Frauen in der Kunstgeschichte verhandelt haben. Ein Gesichtspunkt von Anfang an war klar, es sollte eine Gleichrangigkeit der Geschlechter in der Wissenschaft erreicht werden. Ich sage das, weil ich etwas entsetzt bin, wie hier die Berufung gelaufen ist - wie sehr man auf subalternes Quotendenken heruntergekommen ist und wie der Geist der frühen 70er Jahre abhanden gekommen ist." Doch zu lange will er sich mit Unabänderlichem nicht aufhalten. Die Kunstkritik, "wichtig für jeden Wissenschaftler, um zu lernen sich präzise, verständlich auszudrücken", ist eine von Gorsens Nebenbeschäftigungen. Seit Jahren schreibt er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und beklagt die "künstlerische Überproduktion in Wien, die uns überrollt".
Gorsen, der Kommerz-Verweigerer: "Alle vier, sechs Wochen kommt eine neue Welle, kaum daß wir die erste kritisch verkraftet haben. Soviel Kunst- und Ästhetikproduktion wie in Wien können Sie in keiner deutschen Stadt zusammengepreßt finden. Diese starke Konkurrenz der Museen! Und dann kommt hier noch das Theater hinzu, die Musik und in den letzten Jahren auch noch der Film! Ja glauben Sie, ich habe abends noch die Kraft mir einen Film anzusehen? Ich bin fix und foxi! Es ist nicht mehr zu bewältigen!" Auch die Kunst-Konsumation erkennt er in Wien als oberflächlich: "Zu den Vernissagen gibt es ein pompartiges Ereignis, der Katalog wird hingerotzt, dann wird das abgehakt und das nächste kommt dran."
"Manchmal hatte ich den Eindruck, daß die Studenten mehr eine Therapie bräuchten als einen Kunstunterricht."
Und wie sollte man umgehen mit dieser Überproduktion? Schmeißt man zeitgenössische Kunst dann einfach weg? "Mein Rezept wäre das Magazinieren, mindestens zehn Jahre lang - etwa in leerstehenden Kasernen oder Industriebetriebe. Man kann den Auswahlprozeß auch später machen. Das Problem ist ganz klar, nur ist es gegenüber den Künstlern wenig pietätvoll".
Das Übel dieses Zustandes liegt für den Kunsthistoriker in der Ausbildung: "zuwenig Selbstkritik und zu wenig ernsthafte Beschäftigung an den Akademien", konstatiert der Pädagoge - "es wird zuviel akademisches Proletariat mitgeschleppt". Sein Prinzip war immer, einige müssen eingeschüchtert werden, andere ermutigt: "Einmal kam ein Student herein, schmiß seine Sachen hin und sagte: ,Ich bin der Künstler und wer bist du? Ihr lebt von uns, jetzt zeig ich dir mal was Kunst ist!' Dann - und das ist auch sehr anstrengend - muß man dem vermitteln, wie verantwortungslos er mit seinem Temperament umgeht. Manchmal hatte ich den Eindruck, daß die Studenten mehr eine Therapie bräuchten, als einen Kunstunterricht."