Jahrestag: Das Zick-Zack von Dallas

Eine Verschwörung wird 40 Jahre alt. Den Mord an John F. Kennedy hat Amerika noch immer nicht bewältigt.

Zweifellos war es eine Verschwörung, die das Leben von John Fitzgerald Kennedy beendete. Die CIA war es; das Militär; die Rüstungsindustrie; das FBI des berüchtigten J. Edgar Hoover; Fidel Castro; eine französische Killertruppe im Auftrag der Mafia; die nach der Kuba-Krise blamierte Sowjetunion; der farblose Vizepräsident Lyndon Johnson; das Weiße Haus. Jeder kann den 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten getötet haben, nur einer ganz sicher nicht: Lee Harvey Oswald.

Am 22. November 1963 wurde JFK in Dallas erschossen; ein Tag, an dem die Uhren stillstanden und von dem noch heute jeder Über-50jährige weiß, was er getan hat, als ihn die Nachricht vom Tode des charismatischen Politikers erreichte. Ein Tag aber auch, der eines von "Amerikas größten Geheimnissen" schuf, wie eine Tagung zum Jahrestag in Washington betitelt ist. Denn dass ein einzelner Mann mit einem billigen Gewehr aus einem Versandhauskatalog einen der hoffnungsvollsten Politiker aus seinem blühenden Leben riss, will man nicht glauben. Sieben von zehn Amerikanern, ergab eine aktuelle Umfrage des TV-Senders ABC, sind überzeugt, dass hinter dem Attentat eine Verschwörung steht.

"Nein, bitte nicht", sagt die Dame in der John-F-Kennedy-Bibliothek in Boston, Massachusetts entnervt. Keine Fragen nach der Attentat, das Thema könne sie nicht mehr hören. Bewusst hält man sich hier aus dem Streit der Verschwörungstheoretiker heraus und bringt in den zynischerweise "JFK-Woche" genannten Tagen eine Ausstellung über Puppen, die Präsidententochter Caroline zwischen 1961 und 1963 erhalten hat. Die Fernsehanstalten überbieten sich dagegen mit Sonder-, Hintergrund- und Analysesendungen, vom Spartensender "Court TV" über NBC bis zum "History Channel".

Eines ist allen Sendungen gemein: Keine kommt ohne Verschwörungstheorien aus und sei es nur, wie bei ABC, um in einem ausführlichen Beitrag alle möglichen Hinweise auf ein Komplott ein für allemal zu widerlegen. Warum aber diese Besessenheit? Warum sind 70 Prozent überzeugt, dass die Regierung noch immer Dokumente zurückhält, dass Lee H. Oswald nur ein Sündenbock war, dass es eine große Vertuschung gab? "60 Prozent der amerikanischen Bevölkerung wurden nach 1963 geboren, also nach dem Attentat", erklärt Max Holand, Wissenschaftler an der Universität von Virginia. "Sie haben einen Teil ihres Geschichtswissens aus zweiter Hand, aus Filmen und aus dem Fernsehen." Und hier vor allem aus dem 1991 gedrehten Film "JFK" von Oliver Stone. Nicht nur ernsthafte Kriminalisten, auch Verschwörungstheoretiker sind auf Stone sauer: "Seit seinem Film glaubt jeder nur noch seine Version; von anderen will niemand mehr etwas wissen", meint etwas ärgerlich Mark Carvo, der auf einer Webseite die eher seltsame Theorie vertritt, hinter dem Attentat stand der Wunsch der Rockefeller-Dynastie, sich als Könige in den USA zu inthronisieren.

Den Raum für die Spekulationen schuf auch die nur Tage nach dem Attentat eingesetzte Warren-Kommission, die mit ihrer Untersuchung mehr Fragen aufwarf als beantwortete: Angefangen von der "magischen Kugel", die laut Bericht im Zick-Zack von Kennedy zu Gouverneur John B. Connally flog, beide verletzte und später fast intakt im Krankenhaus von Dallas gefunden wurde; bis zum Faktum, dass Dutzende Zeugen, die Schüsse vom weltberühmten Grashügel hörten, schlicht ignoriert wurden. Mittlerweile haben neben der Warren-Kommission noch zwei weitere Untersuchungsausschüsse, zwei Kongresskommissionen und zwei unabhängige wissenschaftliche Gruppen jede Minute des 22. November 1963 und jedes Beweisstück hinterfragt. Alle sind zum Schluss gekommen, dass es nur einen Täter gab, der drei Schüsse aus dem Schulbuchlagerhaus auf das Auto des Präsidenten auf der Dealey Plaza abfeuerte.

Noch aber liegen Dokumente unter Verschluss bei der CIA, beim Secret Service und bei der National Security Agency. Und so lange diese Dokumente nicht freigegeben sind, so lange kann man Verschwörungstheorien nachhängen. Auf den Fall der Fälle hat man sich aber schon vorbereitet: Eine Theorie besagt, es sei gar nicht John F. Kennedy gewesen, der in Dallas gestorben ist.

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