Aus Graz und in Graz: Nonnen, Aliens, Alte Meister

Aktuelle Kunst versprechen Grazer Galerien zur Kulturhauptstadt-Eröffnung. Die 4. Österreichische Phototriennale entpuppt sich als ermüdendes Versteckspiel.

Der Rucksack ist geschultert, noch zögert er, aber der Rücken ist schon abgewandt - von Graz. Vermutlich. Heißt die Ausstellung doch "Ex Graz", an deren Beginn in der Galerie CC drei "Wanderer" von Alois Mosbacher hängen. Aus Graz, ehemals Graz, von Graz aus, erklärt der Titel der Gruppenschau, die auf drei Orte der Neo-Kulturhauptstadt aufgeteilt wurde, praktisch flexibel die Künstlerauswahl.

Neben die Mosbacher-Wanderer reihen sich in der Galerie CC noch Gemälde in gewohnter Art von Schmalix, Brandl und Josef Kern. Eine scherbenreiche Videoinstallation von Gustav Troger zeigt diesen bei einer Straßenaktion als "Prime Minister of Limbo", Flora Neuwirth denkt mit 50 weißen Gummistiefeln ebenfalls ans Wandern und an "100 Boots", eine Kunstaktion von Eleanor Antin aus den siebziger Jahren.

Weiter führt "Ex Graz" in die Minoriten-Galerie im Priesterseminar, wo Michael Kienzer ein Gummiband zwischen einen Stuhl und Bein-Prothesen gespannt hat - Hupfen verboten! Manfred Erjautz erklärt nebenan sechs von Werbebotschaften bedeckte Püppchen zu "Gottheiten". In Petra Sterrys düsterem Raum wird's dann schaurig: Ein monströses Prinzessinnen-Kleid aus Plastikfetzen baumelt von der Decke.

Denken an große Denker

Endlich junger steirischer Malerei begegnet man bei den Minoriten am Mariahilferplatz: Christoph Schmidberger, Jahrgang 1974, überzeugt mit teils hyperrealistischen, immer poppigen Tafeln. Erwin Wurm zeichnet Menschen beim Denken an große Denker, wobei ihm offenbar nicht viele Frauen eingefallen sind.

Mit einer Wand zum Rubbeln beschert uns Heribert Friedl ein olfaktorisches Hyazinthenfeld, Muntean/Rosenblum ein utopisch tristes Video - doch G.R.A.M. gewinnt gegen die Konkurrenz mit einem verfilmten Boxkampf zwischen Gut und Böse: Eine Nonnen-Puppe liefert sich einen verbissenen Fight mit einem Alien. Ergebnis: unentschieden.

Mit der Installation "Lord of flys", in der betende Hände vor dem Schriftzug "Paradise" schweben, stößt man auf den jüngsten Künstler von "Ex Graz", Michael Gumhold (24) - und somit auch auf den weitaus jüngsten heimischen Ausgestellten in der restlichen Galerienszene. "Ex Graz", ein Ignoranz-Drama?

Auf Nummer Sicher setzt die Galerie Glacis mit einer schönen Adolf-Frohner-Werkschau, die Bilder und Graphik aus drei Jahrzehnten vereint. "Alte Meister - des vorigen Jahrhunderts" auch bei der Galerie Kunst und Handel. Gemeint sind die Aktionisten von Brus bis Schwarzkogler. Ergänzt wird der Oldies-Kanon bei der Galerie Leonhard, abgerundet bei Schafschetzy, wo Tone Fink seine verfremdeten Alltagsobjekte ausstellt.

Schamhaar, Glühlampe

Erfrischend schräg: die Miniplastiken - vom Schamhaartoupet zur kopfförmigen Glühlampe - die bei Galerist Lendl zu seltenen Ehren kommen.

Äußerst ermüdend gestaltet sich die eisige Suche nach der vierten Österreichischen Phototriennale. 20 internationale Künstler wurden eingeladen, "Sight.Seeing" neu zu interpretieren. Die Ergebnisse verteilte man auf Metalltafeln aufgezogen im ganzen Stadtgebiet. Eine zweistündige Tour für nicht Ortskundige! Neben Hauseingängen, im Park, an Bedürfnisanstalten wird man mit jeweils einer großformatigen Photographie entlohnt. Zu empfehlen ist die Führung - am glücklichsten wird man wohl einfach mit dem Katalog.

Ähnlich enttäuschend die Fahrt in den abgelegenen Medienturm, wo aus dem angekündigten leuchtenden "Disco Floor" von Angela Bulloch ein höchstens als Podest durchgehendes Lichtobjekt wird. Einen Stock tiefer hat die Galerie und Edition Artelier ihren neuen Raum, wo sie die "Graz 0003-Edition" anbietet - um 4900 Euro. Eine nette Idee mit 14 netten Bögen von Acconci, Kogler, Kriesche und anderen Kulturhauptstadt-Künstlern.

Am Ende des Tages ertappt man sich beim Denken an die in einem Hinterzimmer erspähte weiße Leinwand, auf die Michael Gumhold schrieb: "Das haben wir schon gehört. Das haben wir schon gesehen."

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