Wider das "Raubtier Kapitalismus"?

Die 6. GLOBArt Academy kreiste im Kloster Pernegg (Niederösterreich) um die "Ohnmacht der Macht".

Das "Raubtier Kapitalismus" schien dieses Wochenende bei der 6. GLOBArt Academy im Kloster Pernegg zum verbalen Abschuss freigegeben. Der Einladung des Hausherren, Abt Joachim Angerer, Präsident der Waldviertler Kulturinitiative, zum in Zusammenarbeit mit der "Presse" veranstalteten Symposium folgte eine Mischung aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Medien aus Theorie wie Praxis. Nach der Generationen-Frage im vergangenen Jahr, sollte heuer die "Ohnmacht der Macht" eingekreist werden.

Bald kristallisierte sich die Ohnmacht als eine des Einzelnen im globalisierten kapitalistischen System heraus. Ex-VP-Vizekanzler Josef Riegler erhielt mit seiner ökosozialen Marktwirtschaft breite Zustimmung. Philosoph Peter Strasser entwarf mit seiner plastischen Beschreibung von unmenschlichem Leistungs-Fetischismus, untypischer Arbeitslosigkeit und unkontrollierbarer turbokapitalistischen Dynamik eine apokalyptische Perspektive. Einsam, aber mutig, versuchte Markus Arper von der Auslandkreditabteilung der OeNB eine Ehrenrettung des Kapitalismus. Gerd Bacher, Ex-Generalintendant des ORF, bestand, verwundert über die aggressive Kapitalismus-Kritik in diesem Umfeld - "Das habe ich seit vielen Jahren nicht mehr gehört" - wenigstens auf die Feststellung: "Der Kapitalismus ist das beste aller schlechtesten Systeme".

Die Grundstimmung - vom aggressiven Neo-Liberalismus zurück zu den christlich-sozialen Wurzeln - festigte sich im weiteren Lauf des Symposiums. Für heftige Emotionen sorgte auch Anton Pelinkas Plädoyer für die Aufrüstung Europas zur Weltmacht, als Gegenpol zur USA: "Friede ist kein Naturzustande, Friede muss gemacht werden". Macht und Ohnmacht, ein "unendlich schwieriges Thema" - andererseits ein "sehr leichtes, wenn man sich auf seine eigene Position zurückzieht", stellte Felix Unger, Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, in der Eröffnungsrede fest. Jeder müsse bei sich selbst anfangen, meinte auch Physiker Herbert Pietschmann. Als grundsätzliche Anleitung formulierte er: "Unterscheide ohne zu trennen, vereine ohne zu egalisieren". Klar einigte man sich mit Matthias Beck (Institut für Ethik in der Medizin), dass Wissen Macht wie Verantwortung bedeute, und die Verquickung von Wissenschaft und Wirtschaft verheerende Folgen habe.

Fazit des Symposiums: Die Standortbestimmung war eine vorwiegend pessimistische, die Lösungsvorschläge waren vorwiegend utopische. Aber: "Man muss die Utopien wenigstens kennen, um sich heute richtig bewegen zu können", schloss der GLOBArt Präsident Bijan Khadem-Missagh. Am Sonntag übernahm Karl Schwarzenberg in Vertretung für den aus gesundheitlichen Gründen verhinderten Václav Havel den heurigen GLOBArt Award entgegen. sp

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