Charles Murray, Amerikas wohl umstrittenster Politologe, misst und vergleicht in seinem neuen Buch kulturelle Leistungen.
"Ich schreibe in einer Zeit, in der Europas Siegeszug vorüber zu sein scheint. Trüber noch: Man kann mit Recht bezweifeln, dass die europäische Kultur, wie wir sie kennen, am Ende dieses Jahrhunderts noch existieren wird. Vielleicht ist das die angemessene Zeit, um in Bewunderung zurückzutreten."
Der da kommt, um das Abendland zu preisen und zu begraben, ist Charles Murray, einer der umstrittensten Sachbuchautoren Amerikas. Ungefähr alle Jahrzehnte wieder sorgt der Politologe und Historiker für Debatten. 1984 attackierte er in "Losing Ground" die Sozialprogramme der USA als kontraproduktiv. 1994 schrieb er mit Richard J. Herrnstein "The Bell Curve" über Erblichkeit von Intelligenz und Korrelationen zwischen IQ und ethnischer Zugehörigkeit.
Nun also hat er die Kultur entdeckt. Und eine alte Methode namens Historiometrie: Dabei zählt man im Wesentlichen die Zeilen, die Personen in Standard-Werken der jeweiligen Disziplin eingeräumt werden, und leitet daraus ihre Bedeutung ab. Murray tat dies für Naturwissenschaften und Künste, wobei er bei diesen zunächst Kulturkreise einzeln auswertete. Ergebnis, so Murray: "Was die Menschheit heute ist, verdankt sie in erstaunlichem Ausmaß dem, was die Völker eines kleinen Teils der nordwestlichen Landmasse Eurasiens in nur 600 Jahren geleistet haben."
Die Einzelergebnisse überraschen nicht: So regiert Sir Isaac Newton in den Physik-Charts, William Shakespeare in der Hitparade der westlichen Literatur, Mozart und Beethoven führen vor Bach etc. etc. Wenig verwunderlich ist es, dass ab ca. 1850 die maximalen Punktezahlen tendenziell sinken - die Nachwelt hat noch nicht genug Zeit gehabt. Murray freilich liest einen Untergang des Abendlandes daraus. Und "die Zahl der Romane, Songs und Gemälde, die seit 1950 entstanden sind und noch in 200 Jahren die Menschen interessieren werden", schätzt er auf "nahe null".
Es wäre nicht Murray, wenn er nicht eine "wertkonservative" Begründung für den Verfall der europäischen Kultur hätte: Schuld seien der Verlust an christlichem Glauben und "sozialen Werten" sowie der allgemeine Nihilismus. Das Christentum europäischer Prägung, das Murray in Thomas von Aquin personifiziert sieht, habe durch seine Betonung intellektueller Unabhängigkeit die Kreativität entfesselt, aber eben auch durch "transcendental goods" (das Gute, Wahre und Schöne) gelenkt. Kunst ohne diese sei schal, Murray spricht vom "Unterschied zwischen ,Macbeth' und ,Kill Bill'", der in der "moralischen Vision" liege. Die islamische Kultur habe dagegen um 1000 n. Chr. nicht wegen des Islam, sondern trotz diesem geblüht.
Obwohl das Buch "Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts of Sciences, 800 B. C. to 1950" in den USA erst letzte Woche erschienen ist, läuft die Debatte bereits. Ein Kritikpunkt: Die Referenzwerke, die Murray heranzieht, haben einen europäischen "Bias", bei diesem Input wundert der Output nicht. Murray verteidigt sich mit sanfter Stimme: "Der Großteil meines Buchs ist über ,Vive la différence'."