EU-Partner Lettland: eine kulturelle Schnupperlehre in der Österreichischen Nationalbibliothek
Süß und emphatisch - Anklänge an das Marienlied "Wunderschön Prächtige"! - tönt Lettlands National hymne. Am Montag erklang sie im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek am Josefsplatz: Der lettische Staat, EU-Partner ab Mai 2004, feierte mit Bildungsminister Karlis Sadurskis und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer als Rednern seinen 85. Gründungstag. Am Jahrestag der Unabhängigkeitsproklamation vom 18. November 1918 bekommt "ein großer österreichischer Europäer" (so Botschafterin Elita Kuzma) in Riga den höchsten lettischen Orden: Otto von Habsburg.
Ein Staat so alt wie die anfangs deutsch-österreichisch genannte Wiener Republik, ein Territorium, das nacheinander von Ordensrittern, Polen, Schweden, Russen und Preußen beherrscht wurde, ehe es sich den Siegermächten des 1. Weltkriegs als "Nation" präsentierte - mit der lettischen Sprache neben Deutsch und Russisch. Nur kurz währte die Unabhängigkeit: Hitler und Stalin teilten sich das östlich der Memel gelegenen Land, die Kriegsfronten rollten drüber hinweg. 1940 besetzten die Sowjets das Land, 1941 die Deutschen, 1945 kehrten die Rote Armee zurück. Heute steht am Rand der Altstadt von Riga das "Okkupationsmuseum 1940 bis 1991". Nur 34 Jahre Freiheit - und 51 Jahre unter fremdem Regiment.
In kleinen Schritten macht sich das Land nun bei seinen künftigen europäischen Partnern bekannt. Seine EU-Nachbarn im Baltikum haben kräftige Freunde: das katholische Litauen die katholischen Polen, die Esten die sprachverwandten Finnen. Österreich Politik setzte seit 1991 hilfreiche Gesten. Im Prunksaal der ÖNB sind etliche dokumentiert: Offizielle Besuche, Verträge, die Eröffnung einer Österreich-Bibliothek, Deutschlehrer-Ausbildung, Stipendien.
Doch solche Sympathie-Akkorde auf Funktionärsklavieren wollen durch tieferes Verstehen von Geschichte und Kultur ergänzt sein. Darum schickte Riga eine aus Beständen seiner "Akademischen Bibliothek" zusammengestellte Dokumentation zur lettischen Geschichte und zur wechselseitigen Wahrnehmung bis zum EU-Beitritt (mit dem unerwartet hohen 67-Prozent-Ja bei der Volksabstimmung) nach Wien.
Luther half 1524 bei der Gründung der bis 1891 im Kreuzgang der Domkirche von Riga untergebrachten Bibliotheca Rigensis. Kaiser Josef förderte einen Kirchenbau. Die Letten waren noch nach St. Petersburg und Berlin zuständig, als im 19. Jahrhundert wie in halb Europa nationalromantische Bewegungen erwachten. Epen vom mythischen Helden Lacplesis wurden gesungen, Schulmeister verfassten Chroniken, 1895 spielte das Lettische Theater in Riga erstmals den "Zigeunerbaron", 1904 die "Fledermaus". Max Reinhardt gastierte 1912 mehrere Monate mit seinem Ensemble in Riga.
Die Musik und die Architektur (Jugendstil, Art D©co) überwanden die Grenzen am leichtesten. Kein österreichischer Schriftsteller wurde in Lettland vor 1940 öfter übersetzt als Peter Rosegger. Auch Grillparzer ("Sappho"), Lenau, Altenberg, Hamerling ("Amor und Psyche"), Rilke wurden lettisch gedruckt, manche der Übersetzungen in St. Petersburg. Handel, Industrie, Kunsthandwerk, die Künste blühten in den drei alten Landesteilen Kurland, Livland, Letgallen auf. Österreich (Bundespräsident Miklas, Bundeskanzler Schuschnigg) entdeckte das freie Lettland erst richtig, als es selber unter Berliner Druck kam. 1934 gastierten die Wiener Sängerknaben in Riga, 1935 erschien in Riga die erste Sigmund-Freud -Übersetzung ("Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie"), 1937 wurden bedürftige lettische Kinder nach Wien eingeladen.
Die kurzlebige Sowjetrepublik Lettland Jänner/Mai 1919 und bürgerkriegsähnlichen Turbulenzen 1940 bis 1945 (Kommunisten, Nazis, zwei lettische Waffen-SS-Divisionen, nationallettischer Widerstand gegen beide Seiten) sind in dieser Ausstellung nur spärlich beleuchtet; die meisten Österreichern, die nach Lettland kamen, trug deutsche Uniformen. 40.000 Juden wurden 1925 in Riga gezählt, kaum einer überlebte. Die Sowjets verschleppten 90.000 Letten nach Sibirien. Der avantgardistische Maler Karlis Neilis flüchtete 1944 nach Österreich, er starb 1991 in Salzburg.
In die lettische SSR reisten aus Österreich zumeist nur Sportler. 1981 schickte das Grazer Joanneum zeitgenössische Kunst. Was wussten Sowjetletten von Austrija? "Jeder romantisch gesinnte Lette hat den Film The Sound of Music gesehen", verrät ein Schildchen in einer Vitrine. Am 21. August 1991 machte sich Lettland frei. Mit einer besorgten russischen Minderheit im Land.
Bis 20. November tägl. 10 bis 14 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr mit Führung um 18 Uhr.