Wie ein Steinbruch: Eine enzyklopädische Leistungsschau österreichischer Künstlerinnen in Krems, ausufernd und verführerisch.
160 Künstlerinnen in der Kunsthalle Krems: "Mimosen - Rosen - Herbstzeitlosen"
Sanft und grausam zugleich wuchert sie aus ihrer linken Wange - gerade eine üppige Rose ist's, die Florentina Pakostas ernstes Frauenporträt entstellt. Ja, die Damen in der Kunstgeschichte. Exotische Ranken im männlich dominierten Genie-Kult? Wilde Fräuleinblüten, gezüchtet vom Kunstbetrieb? Oder alles Schneeglöckchen von gestern - wen kümmern heute noch die Geschlechter? Schließlich zählt allein die Qualität. Mitnichten. Und doch herrscht dünne Luft für "Mimosen - Rosen - Herbstzeitlosen" an der Spitze der internationalen Best-Price-Listen. Diesen nicht unproblematischen Titel wählte Christa Hauer, selbst Künstlerin und als Gründerin der IntAkt Galerie 1976 Promoterin der weiblichen Kunst in Österreich, für ihre gemeinsam mit drei weiteren Kuratorinnen in der Kunsthalle Krems aufwendig erarbeitete Ausstellung über Künstlerinnen in Österreich seit 1945: drei Blumen-Namen, zu lieblich, verniedlichend auf den ersten Blick.
Doch, allen altmodische Klischees witternden Unkenrufen zum Trotz, diese mit 200 Werken von 160 Künstlerinnen enzyklopädisch zu nennende Leistungsschau füllt immer noch leichtfertig verdrängte Lücken, auf die nicht oft genug hingewiesen werden kann. Ihre Berechtigung findet eine reine Frauen-Ausstellung heute vor allem in ihrem historischen Teil. Denn wer kennt sie heute schon, die Künstlerinnen, die im Schatten der Phantasten, Aktionisten, Informellen ihre (Lebens-)Werke schufen? Die farbenprächtigen Teppiche von Johanna Schidlo, die ephemer-sinnlichen Gemälde von Franziska Wibmer, der ersten Frau von Josef Mikl, oder die magischen Perfomances von Rita Furrer? Maria Lassnig und Valie Export sind im Rückblick die dominanten Ausnahmen einer scheinbar zurückhaltenden weiblichen Kunstproduktion. Die jüngste Generation, eine Elke Krystufek oder Esther Stocker allerdings, vom globalisierten Kunstmarkt rascher aufgesogen, haben heute andere Kämpfe auszutragen als die um ihre Akzeptanz als Frauen.
So spaltet sich auch die Ausstellung, die vehement und chronologisch beginnt, in einem zweiten Teil jedoch etwas wahllos, weder thematische noch zeitliche Orientierung bietend, auseinander driftet.
Gleich zu Beginn steht der wohl stärkste Raum der Schau: Streng und prägnant dokumentiert er die Vertreterinnen einer geometrisch-abstrakten Kunst in Österreich. Die großen Op-Art-Bilder der im vergangenen Jahr verstorbenen Helga Philipp finden sich hier u. a. neben Marianne Madernas' minimalistischen Skulpturen und Esther Stockers flirrend-spielerischen Verschachtelungen. Ein konzentrierter, geballter Auftritt. Weiter geht es dann chronologisch und nach Medien wie Malerei, Fotografie, Performance geordnet.
Gleich vier frühe gestische Bilder Maria Lassnigs aus dem Jahr ihrer Reise nach Paris mit Arnulf Rainer 1951 betonen den Beginn des Informells in Österreich. Kontrastierend gegenübergestellt ein noch ziemlich klassisches Stillleben Lassnigs, nur einige Jahre früher entstanden, 1946.
Schön aufgearbeitet auch die 70er Jahre, als der Feminismus Motor für viel freche und - interessanterweise sonst eher spärlich vorkommende - ironische Kunst war. "Die drei K's" - Küche, Kirche, Kinder - präsentierte Lotte Hendrich 1975 in einem Setzkasten aus Acryl, zusammen mit drei Porzellankrügen als Staubfänger. Den Besen schwingen lasziv dazu die wilden Hausfrauen von Birgit Jürgenssen. Vertreten durch ihre köstlich-kritischen Zeichnungen, das sarkastische Aktions-Relikt der umhängbaren "Küchenschürze" sowie in ihrer Rolle als Mitglied der Gruppe "Die Damen", ergibt sich in Krems beinahe eine kleine, dringend nötige Retrospektive der Künstlerin, die erst vergangene Woche dem Krebs erlag.
Ungebunden von Themen wiederholen sich im zweiten Teil der Schau dann etwas konfus einige Namen und Positionen. Doch nichtsdestotrotz wurde hier bemerkenswerte Arbeit geleistet, in einem ausführlichen Katalogbuch festgehalten. Eine Ausstellung wie ein Steinbruch, der grundlegendes Material für eine bewusstere Kunstgeschichte Österreichs liefern kann.
Bis 15. Februar. Tägl. 10-18 Uhr.
Rahmenprogramm: www.kunsthalle.at