Das Wiener Museum moderner Kunst zeigt die Grande Dame der Konzeptkunst, Hanne Darboven.
Zur abendlichen Eröffnung wollte sie nicht erschei nen, auch nicht zum Pres se-Termin - fast heimlich begutachtete Hanne Darboven die Ausstellung ihrer "Bücher" im Wiener Museum Moderner Kunst. Dabei ist die Grande Dame der deutschen Konzeptkunst eine illustre Person, kann sich Allüren erlauben, die in schönem Kontrast zu ihrem spröden Werk stehen. Bubikopf, Hosenanzug, dazu üppiger Schmuck - so richtig schräg wird die androgyne Inszenierung dann mit Micky der Ziege, Darbovens geliebtem Haustier.
Schon seit den ausgehenden 60er Jahren hält die 1941 in München geborene Künstlerin ihren mondänen Auftritt durch. 1966 findet sich das junge Mädchen, das gerade die Hamburger Kunsthochschule abgeschlossen hatte, in New York wieder, trifft Sol LeWitt und Carl Andre. Den US-Star-Minimalisten gefallen Darbovens feine geometrischen Zeichnungen auf Millimeterpapier, ihre Genauigkeit, die Konsequenz. Dementsprechend prominent war die erste Ausstellung der zarten, ziemlich an Audrey Hepburn erinnernden Deutschen platziert, in New York, gemeinsam mit ihren Förderern LeWitt, Andre, Donald Judd, Frank Stella und anderen Großkalibern. Ein fulminanter Karriere-Start, Darboven wurde zur Hauptvertreterin der deutschen Konzeptkunst, repräsentierte ihre Heimat 1982 auf der Biennale Venedig.
Die Quersummen von Tagen, Monaten und Jahren füllen tausende von Seiten.
Viermal wurde Darboven zur "documenta" eingeladen, zur 5., 6., 7. und auch wieder vergangenes Jahr, zur 11. Kasseler Großschau. Ein Tribut an die obsessive Dokumentaristin, die tausende Seiten mit unberechenbaren Berechnungen zu ihrem höchst eigenen Zeitsystem füllte. Ein Wust an Zahlen, gepresst in Bücher, Folianten, Ordner. Tage, Monate, Jahre werden in manischem Ordnungswahn aneinander gereiht, nach einem relativ simplen Additionsprinzip, das jedoch immer wieder nicht durchsichtig variiert wird.
Nicht sinnlich genug? Eine Unterstellung. Liebevoll sind in Darbovens spröde konstruierte Zeit-Abläufe Fotos, Zeitungsausschnitte, Zitate, Gedichte, etc. eingewoben. Teils erzählen diese Bände Persönliches wie Tagebücher, teils Hochpolitisches oder gar die Menschheitsgeschichte.
Dieser Drang zur Dokumentation lässt Hanne Darboven zur Vorreiterin einer Tendenz werden, die heute zur künstlerischen Basisausstattung gehört.
Das Museum Moderner Kunst hat das Glück, das zentrale frühe Hauptwerk der Künstlerin zu besitzen: "Ein Jahrhundert (Bücherei)" aus 1974 - 41.200 Blätter, gelagert in Aktenordnern und Holzregal. Grund genug, um die vom Westfälischen Landesmuseum zusammengestellte, umfassende Darboven-Schau nach Wien übersiedeln zu lassen. Ohne gewichtige Werke als Gegenleistung bieten zu können, ziehen große Personalen leichten Herzens an Museen vorbei. Eine Gefahr, derer man sich in Zeiten beschränkter Ankaufsbudgets bewusst sein muss.
Bis 23. 11. Di.-So. 10-18 Uhr, Do. bis 21 Uhr.