Angst zieht der Kunst die Zähne

Das Linzer O. K Centrum für Gegenwartskunst zeigt mit "The Promise, The Land" jüdische Kunst aus Israel. Ästhetisch, subtil und seltsam blutleer.

20 junge jüdische Künstler zeigen in Linz systemkritische ArbeitenW
ie hat die Kunst nicht schon aufgebrüllt gegen die verdamm ten Zustände, gegen spießige Gesellschaft und repressive Politik, die ihnen die Luft zum Atmen abschnitten. Da ist heißes Blut aus den Adern geflossen bei den Wiener Aktionisten, die Futuristen hätten am liebsten gleich die ganze Welt gesprengt und im pechschwarzen Untergrund brütet die Gothic-Szene heute schon beinahe traditionell den Teufel aus.

Alles scheint befremdlich anders in Israel. Wo Krieg, Terror, Mord und Rache Alltag sind, scheut man sich wohl, das Grauen und die Emotion mit voller Wucht in die Kunst zu übersetzen. Systemkritik ja, aber subtil und ästhetisch verpackt, am besten noch mit einer Prise Humor entschärft.

Diese Zahnlosigkeit fällt jedenfalls in "The Promise, The Land" auf, einer Ausstellung 20 ausschließlich jüdischer Künstler aus Israel im Linzer O. K Centrum für Gegenwartskunst. Hier steht heuer das ganze Jahresprogramm im Zeichen des Nahen Ostens - der erste Schwerpunkt des für drei Jahre bestellten Kuratoren-Teams Stella Rollig, Thomas Edlinger, Roland Schöny. Und da Kunsträume nie politisch korrekt sind und vor allem auch nicht sein dürfen, entschied man sich gleich, nur jüdische Künstler zu zeigen. Kein pathetisches Gleichgewicht zwischen Palästina und Israel wird konstruiert - was nicht zusammen leben kann, soll sich auch im Ausland nicht finden. Ein ehrlicher Ansatz, der in seiner Härte überzeugt.

"Eine kritische Selbstbefragung" Israels wollen die Kuratoren, "jüdisch-israelische Künstler im Verhältnis zu Politik und Gesellschaft" verspricht der Untertitel der Ausstellung. Monatelang wurde für diesen Anspruch die Kunstszene im "Versprochenen Land" durchforscht. Gefunden hat man Kunst, hauptsächlich Foto- und Videoarbeiten, die auf jeder internationalen Kunstmesse problemlos reüssieren kann oder dies schon getan hat. Bestes Beispiel dafür ist Zvi Efrats für Linz modifizierte, mehrteilige Arbeit "Borderlinedisorder", Israels offizieller Beitrag für die Architekturbiennale in Venedig im vergangenen Jahr. Mit bunter Kreide sind Kringel, Punkte, Linien an die Betonwand im O. K Centrum gezeichnet - die grafische Reduktion einer realen Landkarte, die u. a. Militärcamps und palästinensische Gebiete zeigt. Die Brutalität der Grenzziehung und Filetierung eines Landes durch Politik und Militär als abstraktes Wandbild?

Eine Art Nahaufnahme dieser Karte ist die Fotoserie "The Way to Efrat" von Guy Raz. Menschenleere Autobahnen, gähnende Tunnelöffnungen: Die Umgehungsstraßen der palästinensischen Gebiete, die eine israelische Siedlung mit der anderen verbindet, zu benutzen nur von Israelis. Eine hoch ästhetische Dokumentation dieser Schikane, kalt und kommentarlos. Die perfekte Inszenierung schätzt auch Adi Nes, der aufgeladene Szenen wie das Hissen der Fahne zu nachgestellten Filmstills inszeniert.

Also gut, das Land und die unsicheren Grenzen ihrer Heimat beschäftigen die jungen Künstler stark. Aber was ist mit der Emotion, der Angst, die uns die Medien täglich aus Israel servieren? Gekontert wird eher mit Augenzwinkern: Maria Pominsky fotografiert ihre russischen Freunde ironisch mit Faschings-Schweinenasen. Der Hintergrund: Streitigkeit zwischen orthodoxen Juden und russischen Einwanderern über den Verkauf von Schweinefleisch. Ein nettes Patchwork-Video von Dana Levy zeigt diese Vielfalt der Kulturen: 50 Immigranten durften ihr Lieblings-Lied singen. Harmlos aber lustig.

Die mutigste und exponierteste Arbeit hat Ofreet Ashery erfunden: Als "Marcus Fisher" tritt sie in Nachtclubs auf, karikiert den orthodoxen jüdischen Mann als schwul, saufend und rauchend. Hier ist sie endlich, provokant, rücksichtslos und verbunden mit Gefahr. Die Hoffnung.

Bis 27. April. Di. bis Do.: 16-22 Uhr, Fr. 16-24 Uhr, Sa. und So. 10-18 Uhr.

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