"Go Johnny Go": Die Kunsthalle Wien zeigt eine - nicht nur durch Sammlerwut glänzende - Ausstellung über "Kunst & Mythos" der E-Gitarre.
Die bunten Lämpchen an der klei nen Girlande blinken noch, über den niedergetretenen Verstärkern, den zerschundenen Effektkästchen, den zerschlagenen Gitarren. Lee Renaldo, Gitarrist des New Yorker Noise-Rock-Quartetts Sonic Youth, hat die Bühne hergerichtet - zuerst historisch realistisch - als Nachstellung einer Sonic-Youth-Bühne vom Anfang der Achtziger -, dann idealisierend: durch gezielte, zerstörerische Tritte, knapp vor Eröffnung der Ausstellung.
"Sie waren immer mörderisch", schrieb Nik Cohn in seiner klassischen, leider längst vergriffenen "Rock History" über die britische Band "The Who": "Pete Townshend pflegte seine Gitarre voll in die Boxen zu knallen, sie zu Brennholz zu zertrümmern, und die Lautsprecher wimmerten im Feedback, jaulten und kreischten und explodierten. ( . . .) Oder er schwang seinen Arm in einem großen, langsamen Kreis wie eine Windmühle, und er benutzte seine Gitarre wie ein Maschinengewehr, zielte langsam über die Gesichterreihen im Publikum, mähte alle nieder, einen nach dem anderen, und die Leute an den Gängen kauerten sich zusammen, wurden immer kleiner, versuchten sich vor der Kugelgarbe in Deckung zu bringen. Sie wollten noch nicht sterben. Und zum Schluss sah die Bühne aus wie ein Schlachtfeld, übersät mit Trommelstücken und zusammengeschlagenen Gitarren und Teilen von zertrümmerten Lautsprecherboxen, in Rauch gehüllt. Alle schwitzten. Die Who waren wild in jenen Tagen."
Das muss 1966 gewesen sein, im selben Jahr, als Michelangelo Antonioni für seinen Film "Blow Up" den "Yardbirds"-Gitarristen Jeff Beck nötigte, ebenfalls eine Gitarre zu zerstören und den zertrümmerten Hals ins Publikum zu werfen. Wilde Rangelei, der erst distanzierte Modefotograf kommt zum umfochtenen Stück Holz wie der Pontius ins Credo, rettet es auf die Straße - und wirft es weg, wie eine leere Batterie. Es hat seine Magie des Zerstörungsaktes verloren.
Solche Szenen muss Lee Renaldo vor Augen gehabt haben, als er - wohl ohne entflammtes Publikum - seine Bühne zertrat. Nun, im Dickicht der Kunsthalle, spürt man keinen Rauch, keinen Schweiß, keinen Wahn. Eine Installation halt. Nur ein kleines Detail rührt: An einer roten Gitarre mit gebrochenem Hals sieht man am Körper das Holz, das gequälte Pressholz. Von der stolzen Königin der Instrumente bleibt das nackte Brett - ohne Loch, denn dieses hat sie schon im Lauf ihrer Evolution verloren, und dazu ihre Leibeshöhle: Eine elektrische Gitarre ist kein Schallkörper, nur ein Steuergerät für den Strom. Erst durch diese Entleiblichung, durch diese Abstraktion konnte sie zum wichtigsten und mächtigsten Instrument der Jetztzeit werden.
Die Abstraktion hat den gewaltigen sound ermöglicht, aber auch die ebenso gewaltige vision, die Fülle an Images, die bis heute vor allem die Buben in Proberäume lockt. (Jeff Walls "The Guitarist" fängt diese Kontinuität liebevoll und detailreich ein.) Einmal noch sieht man in der Kunsthalle die biedere, ältere, akustische Schwester - in David Hockneys Ölbild "Selbstbildnis mit blauer Gitarre": Der beschauliche Künstler im geschmackvollen Atelier zeichnet die Umrisse einer hübschen Gitarre. Diese Idylle, die richtig nach gutem Rotwein riecht, wäre mit E-Gitarre undenkbar. Oder? Wie die visuelle Kunst an diesem Motiv scheitern kann, illustriert George Segals Gipsplastik "Rock and Roll Combo": Die drei Figuren sehen in Bewegung und Anmutung nach sanftem Bar-Jazz aus, geradezu wie die Antithese zur Videocollage aus Aufnahmen von Beatbands aus demselben Jahr (1964).
In diesen Sequenzen - klugerweise ohne Musik präsentiert - sieht man, wie innig die E-Gitarren mit den Körpern schwingen, an denen sie noch vergleichsweise weit oben hängen: In der Geschichte des Gitarrenrocks sind die Instrumente immer tiefer gewandert, bis sie mit normal langen Armen kaum mehr zu spielen waren, auch das hat den Punks beim Hüten der reinen Lehre geholfen. In der Sammlung von Covers mit Gitarrenmotiven sieht man einen Hüter: Joe Strummer von den Clash, wie er mit wie devot gebeugtem Rücken und gesenkten Kopf die Gitarre als Streitaxt schwingt. "This machine kills fascists" (Woody Guthrie), "My guitar wants to kill your mama" (Frank Zappa): Solche Motive klingen mit im Cover von "London Calling" - und doch zeigt es auch die Verletzlichkeit der Waffe.
Erstaunlich wenig kommt in der Ausstellung ein Motiv vor, das die Rockmusik-Kritik der siebziger Jahre genauso liebte wie viele Feministinnen: die - wesentlich bisexuelle - Gitarre als phallisches Instrument, als potente Maschine. Christian Marclay - dessen Video "Guitar Drag" (siehe Bild) eine der eindrücklichsten Darstellungen der Gitarre als heulendes Opfer ist - greift dieses Thema noch einmal spöttisch in "Prosthesis" auf: die erschlaffte Gitarre, offenbar traurig nach dem Verkehr. Aber selbst wenn die E-Gitarre in absentia verhöhnt wird - wie in Heimo Zobernigs "Video Nr. 3" - oder ein wenig plump als Gewehr-Surrogat in einen Actionfilm transferiert wird - wie in Hans Weigands "Z" -, hat sie nicht alle Würde verloren. Und sogar aus dem Gartenhäuschen, in das sie der manische Heavy-Metal-Ansichtskarten-Sammler Steven Shearer gesteckt hat, dröhnt sie noch stolz.
Auch die Kuratoren Wolfgang Kos und Thomas Miessgang sind Jäger und Sammler im besten Sinn und haben u. a. in Randgebieten der E-Gitarren-Kultur gesammelt: Afrika, Ostblock, Vorarlberg. Hier wird die Ausstellung fast ethnografisch, so, wie sie in den Bildern der Anfänge historisch und in der langen Reihe von 150 Gitarren liebhaberisch wird. Doch schon durch das allgegenwärtige Dröhnen behält sie die Aufregung, die Chuck Berrys "Johnny B. Goode" am Ein- und Ausgang einfordert und die visuelle Künstler - die bekanntlich alle, alle eigentlich Gitarristen werden wollten - so schwer einfangen konnten. Einzig Barnaby Furnas kam ihr in seinen Gemälden nahe, und der musste dafür ganz schön Farbe aus den Köpfen spritzen lassen.
Bis 7. März 2004, täglich 10 bis 19 Uhr.