Bill Viola, Pionier der Videokunst, wagt in London den Vergleich seiner "Passions"-Serie mit Alten Meistern.
Ein ähnliches Experiment, wie es das Wiener Kunst historische Museum zur Zeit erstmals mit Francis Bacon versucht - Gemälde des britischen Psycho-Postexpressionisten hängen zwischen denen seiner Urahnen -, wagt ab heute, Mittwoch, auch die nicht minder ehrwürdige National Gallery in London. Erstmals wird einem noch lebenden Künstler eine derart prominente Schau, übernommen vom Los Angeles Getty Museum, in den unterirdischen Sonderausstellungsräumen gestattet.
Man wählte keinen Fremden: Schon vor drei Jahren lud das Museum den New Yorker Videokünstler Bill Viola (52) ein, sich von einem Gemälde der Sammlung inspirieren zu lassen. Er wählte Hieronymus Boschs Dornenkrönung. Die mittelalterliche Tafel veranlasste den für seine effektvollen Zeitlupen-Installationen bekannt gewordenen Pionier der Videokunst zu einer Serie über die großen Emotionen im Leben - "Passions". Um dieses Thema kreist die Londoner Ausstellung. Wie Tafelbilder hängen die Flachbildschirme an den Wänden, nur manchmal stört ein banales Kabel die Illusion. Ärgerlich, denn sonst überantwortet Viola in seinem Studio nichts dem Zufall, seine Akteure sind professionelle Schauspieler, alles ist bis zur feinsten Kleiderfalte durchinszeniert.
Innehalten ist hier notwendig: Wer die hochauflösenden LCD-Bildschirme rasch passiert, wird alles versäumen. Denn keine Fotografien sind es, sondern in extremer Zeitlupe ablaufende Mimik-Studien und Szenen, angelehnt an die Ikonografie des 15. und 16. Jahrhunderts. Trauer, Tränen, Schmerzensschreie, tiefes Erstaunen, Fassungslosigkeit - Epiphanie heute oder die Mater Dolorosa im Medienzeitalter.
1995 entstand die erste an Alten Meistern orientierte Arbeit Violas: "The Greeting", nach Pontormos "Heimsuchung", läuft als Großprojektion im ersten Ausstellungsraum. Drei Frauen treffen sich, ihre Beziehungen zueinander bleiben unklar, das Video läuft sachte rückwärts, was das Verstehen nicht gerade erleichtert. Weiters irritierend: Violas Zeitgefühl ist nie konstant, die Geschwindigkeiten variieren innerhalb eines Videos des öfteren unmerklich. Zwischen Leihgaben wie Giovanni Bellinis "Totem Christus mit zwei Engeln" findet sich auch asiatische Kunst wie eine Maske des N´-Theaters. Violas Werke sollen christliche und östliche Ästhetik verbinden, das sollen diese Gegenüberstellungen zeigen. Ziemlich konstruiert: Der westliche Einfluss dominiert hier fraglos.
Etwas zu viel sogar, manche der Werke driften in Kitsch ab, spekulieren mit großer Geste, sakraler Aura und mächtigem Effekt, wie "Emergence" (siehe Bild): Nach erschöpfender Trauer zweier Damen taucht aus dem Taufbecken zwischen ihnen ein marmorglatter Jünglingskörper. Das Wasser birst, die Spritzer funkeln, die Dramatik ist perfekt - es ist zum Heulen.
Berührend wird Viola in den Extremen - in schlichten Charakterstudien, im Kleinstformat, in der Mega-Installation: In "The Crossing" wird ein Mann von Wasser und Feuer gleichzeitig verschlungen. Erinnerung an den Viola-Raum in der Tate Modern: Fünf Engel für das Millennium rasen in ungeheurer Langsamkeit und Getöse gen Himmel - und der ist nicht von dieser (Kunst)Welt.
Bis 4. Jänner 2004.