Ausstellungen: Madonna, Monolith und Mädchen-Pop

In Den Haag geht die Holbein-Ausstellung zu Ende, die "Darmstädter Madonna" reist für die nächsten Jahre nach Frankfurt. Und zurück in Den Haag bleibt ein Cherokee.

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adonna auf Tauchstation: Wäh rend das Frankfurter Städel und das Darmstädter Schlossmu seum diesen Herbst um eines der wichtigsten Bilder der deutschen Renaissance gerangelt haben, zog eben dieses, Holbeins "Madonna des Bürgermeisters Meyer", kurzerhand aus Darmstadt aus. Nach Den Haag, ins Mauritshuis, wo das unschätzbare Gemälde als eine der Hauptattraktionen noch bis Samstag für die Porträtkunst des Malerfürsten (1497/98 bis 1543) repräsentiert. Dann geht's nicht retour ins seit 1852 angestammte Schlossmuseum, sondern für die nächsten Jahre doch ins repräsentativere Städel nach Frankfurt. Nicht für immer, aber immerhin für eine beträchtliche Zeit als Leihgabe.

Dabei kann die deutsche Museumslandschaft froh darüber sein, überhaupt noch mit dem 1525/1526 gemalten Stifterbildnis der Familie des damaligen Basler Stadtoberhauptes werben zu können. Denn die Besitzer des Bildes, das Haus Hessen, sollen ein lukratives Angebot in petto haben: Kolportierte 113 Millionen Dollar würde das Getty Museum Los Angeles für die "Darmstädter Madonna" zahlen. Alles Spekulationen, verlautete die Familie, einen Verkauf behalte man sich aber weiterhin vor, berichtete die Süddeutsche Zeitung.

Unbefleckt von schnöden Streitigkeiten glänzt die berühmte Holztafel derweil in Den Haag. Zwischen 150.000 und 160.000 Besucher werden die dreimonatige, schön übersichtliche Holbein-Schau bis Samstag gesehen haben. Zum Vergleich: Holbein-Zeitgenosse Albrecht Dürer hat der Wiener Albertina in den ersten zwei Monaten über 300.000 Besucher gebracht. Die Größenverhältnisse der beiden Ausstellungen sind jedoch nicht vergleichbar. Hier eine umfassende Retrospektive, da 23 ausgewählte Gemälde und 15 Zeichnungen.

Exquisite Leihgeber sind die niederländische wie die englische Königin, war Hans Holbein der Jüngere schließlich Hofmaler des den Damen nicht abgeneigten Königs Heinrich VIII. An dem weiblichen Geschlecht zerbrach dann auch die fruchtreiche Beziehung zwischen Mäzen und Maler: Holbein soll Heinrichs spätere Ehefrau Nummer vier, Anna von Kleve, im Vorfeld der Hochzeit anders dargestellt haben als sie sich danach entpuppte. Die Scheidung folgte natürlich auf dem Fuß.

Ansonsten dürfte sich der für seinen feinen Realismus geschätzte Renaissance-Künstler selten geirrt haben. Heinrichs dritte Gemahlin, Jane Seymour, muss Holbein wohl entsprechend gut getroffen haben. Das kostbare, präzise Porträt kam aus dem Kunsthistorischen Museum Wien nach Den Haag. Insgesamt begegnet man der blassen, etwas verkniffenen Schönheit hier gleich dreimal: als Studie, als große Tafel und als kleinere Version, die aus der Sammlung des Mauritshuuis selbst stammt.

Absichtlich habe man viel Wert gelegt auf eine klare, reduzierte Ausstellung, sagt Direktor Frederik Duparc. Der Betrachter soll nicht durch Überfülle verwirrt werden. Eine weise Entscheidung in der Zeit der Superlativen. Die Besuchermassen drängen sich trotz allem durch die intimen Räume. Soviel Muße war den Bewunderern vor Vermeers Mädchen mit Perlen-Ohrringen einen Stock unter der Sonderausstellung noch selten vergönnt.

Eine Art Gegenprogramm zur gediegenen Holbein-Schau - Muße verboten! - organisierte in Den Haag das Museum für zeitgenössische Kunst, Gem genannt. Jimmie Durham aus dem Stamm der Cherokee ist in die Hallen eingefallen, donnernd dort gelandet, wohl mit ziemlichem Krach. Wie zufällig eingeschlagen lässt der 1940 in Washington geborene Schriftsteller, Poet und Menschenrechts-Aktivist Meteoriten Alltagsgegenstände zertrümmern. Ein Bett brach unter einem Monolithen zusammen, eine Waage hauchte ihren Geist aus, zwei zierlich Schuhspitzen ragen gerade noch unter einer Platte hervor. Mit Fratzen bemalte Wurfgeschosse landen in Bildschirmen, andere, noch heile, dokumentieren diesen Vorgang, auf ihnen lauern schon die Zerstörer - von Klischees und Illusion.

Ein anderes Klischee wird im Untergeschoß widerlegt: Dass Ausstellungen von Kunsthochschul-Absolventen alternativ-dilettantisch sein müssen - und nicht in renommierten Museen stattfinden. Nicht so in Den Haag: Hier werden im städtischen Museum einige, zum Teil außerordentliche Arbeiten vom letzten Jahrgang der Königlichen Akademie vorgestellt. Video-Kunst dominiert, herausragend sind hier die digital manipulierten, zwischen statisch und Zeitlupe schwebenden Bilder von Lisa Vieten. Ein Mädchen hält den Kopf eines anderen gnadenlos in eine Wasserschüssel. Alles ist gespenstisch ruhig, dann schnellt die Gepeinigte doch noch auf. Mit Ruchama Noorda begegnet man indirekt einem Stück Heimat: Die junge Holländerin orientiert sich klar an der Wiener Extrem-Selbstdarstellerin Elke Krystufek. Heraus kommt dabei allerdings nur etwas rotziger Mädchen-Pop. Eine derart professionelle Anfangs-Ausstellung ist österreichischen Jungkünstlern allerdings wirklich zu wünschen.

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