Versicherung schweigt

Benvenuto Cellinis "Saliera" bleibt verschwunden: Das falsche Reagieren der Wächter im Kunsthistorischen Museum dürfte nichts an der Leistungspflicht der Versicherung ändern.

WIEN. "Ja wir sind die Versicherung", bestätigt der Sprecher der Uniqa, Norbert Heller. Das war allerdings alles, was ihm zu entlocken war. Der zuständige Vorstand, Johannes Hajek, ist momentan zu keinen Interviews bereit. Die große Sorge: Alles was jetzt gesagt wird, könnte sich auf die Schadenszahlungen auswirken. Die Uniqa hat das Kunsthistorische Museum erst seit Jahresbeginn unter Vertrag. Zuvor war die (vor der Übernahme der Uniqa stehende) AXA die zuständige Versicherung.

Ein Rundruf unter Kunstversicherern ergab, dass es bei Diebstählen in dieser Größenordnung auf die Inhalte des Vertrages ankommt. Generell gibt es eine Wartefrist von sechs Monaten. Nur wenn das "Salzfass" währenddessen nicht auftaucht, die polizeilichen Ermittlungen weitgehend abgeschlossen sind und eine Unbedenklichkeitserklärung vorliegt, muss bezahlt werden. Bis dahin stellen Versicherungen üblicherweise eigene Nachforschungen an. Dazu gibt es das einigen Versicherern gehörende Art-Loss-Register, das den internationalen Kunsthandel beobachtet. Außerdem verfügen Kunstversicherungen über ein Netzwerk aus Detektiven, die zusätzlich zu den polizeilichen Ermittlungen eingesetzt werden.

Mit Hilfe von Experten erfolgt nun auch die Feststellung des genauen Wertes der "Saliera". Momentan wird er auf 50 Millionen € geschätzt. Diese Summe müsste im Schadensfall von der Versicherung bezahlt werden. Nur wenn eine Obliegenheitsverletzung festgestellt werden könnte, müsste die Versicherung weniger zahlen. Das kommt meist nur bei grober Fahrlässigkeit vor, etwa wenn die Alarmanlage nicht eingeschaltet wurde. Ein falsches Reagieren der Nachtwächter ändere laut Experten nichts an der Leistungspflicht, auch weil ein rechtzeitiges Erkennen des Echt-Alarms den Diebstahl vermutlich nicht verhindern hätte können.

Wenn die Saliera nach Bezahlung der Versicherungssumme gefunden wird, würde das Kunstwerk in das Eigentum der Versicherung übergehen. In diesem Falle müsste das Geld zurückgezahlt und das Kunstwerk dem Museum zurückgegeben werden.

Zwei Fehlalarme pro Woche, das ergibt etwa 100 pro Jahr: "Da wird man nachlässig." Mit dieser Aussage rechtfertigen sich die drei Nachtwächter im Kunsthistorischen Museum (KHM), warum sie am Sonntag um 3.59 Uhr den Alarm des Bewegungsmelders zwar quittiert, aber sonst nichts unternommen haben. Dadurch wurde eine Weiterleitung des Alarms an die Polizei verhindert.

"Sie versichern, dass sie nicht geschlafen haben", meinte Ernst Geiger, Chef der Kriminaldirektion 1. Doch das Fehlverhalten ist eklatant: Keiner der drei ging in den Raum 4, wo die 26 cm hohe, 33,5 cm breite und sieben Kilo schwere Skulptur Benvenuto Cellinis stand - bzw. gestanden war. Schlimmer noch: Keiner hielt es für angemessen, wenigstens den Monitor mit der Videoüberwachung des Saals einzuschalten.

Warum nur, warum? Diese Frage stellt man sich nicht nur im KHM. "Es waren langjährige Mitarbeiter, wirklich gute Leute", hört man aus dem Haus am Ring. "Einfach unerklärlich." Um sieben Uhr früh seien die drei nach Hause gegangen, 80 Minuten später habe man den Diebstahl entdeckt.

Das eingeschlagene Fenster ist längst eingeglast, der Saal 4 wieder freigegeben. Ein privates Unternehmen (Group 4) hat die Überwachung des Gerüsts, über das der Einbrecher eingestiegen war, übernommen, auch hausintern wurde die Bewachung verstärkt.

Museumsdirektor Wilfried Seipel soll seinen Rücktritt angeboten haben. Er spricht von "vielen Kondolenzanrufen" seiner Kollegen aus anderen Mussen und davon, dass er nervlich "ziemlich am Ende" sei.

Das Gerüst, von dem aus die Fassade renoviert wird, soll noch bis zu sieben Jahre stehen bleiben. Dass es laxe Sicherheitsvorkehrungen gegeben habe, bestreitet man in der Burghauptmannschaft: Die Vorhängeschlösser bei den Türen seien von den Arbeitern ordnungsgemäß versperrt worden, es sei auch kein einziges geknackt worden, wie es am Sonntag geheißen hatte. Der Täter ist anfangs über die Fassade nach oben geklettert und dann aufs Gerüst gewechselt.

Und die Polizei? Die vermutet, dass drei Täter am Werk waren: Der Einbrecher, ein Aufpasser und ein Chauffeur. Denn nur so sei ein derart spektakulärer Diebstahl zu bewerkstelligen. Weder Europol, noch Interpol noch Scotland Yard lieferten bis Montag Nachmittag irgendwelche Anhaltspunkte, wo sich die Figur befinden könnte.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.