In Miami Beach feierte der Kunst-Jet-Set ein schillerndes Ende der Saison: Zum zweiten Mal öffnete hier die Kunstmesse "Art Basel" ihre Winter-Dependance unter Palmen.
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alsa-Party, Sonnenzauber und natür lich shopping, shopping, shopping. Miami hat sich seinen Ruf nicht ge rade als kulturelle Hochburg Amerikas verdient. Gut betuchte Touristen können zwar in den luxuriös-nostalgischen Art-Deco-Hotel-Träumen schwelgen. Doch außer ein paar durchschnittlich bestückten Museen ist Floridas heiter-bunte Freizeit-Hochburg ein kulturelles Kaff. Wären da nicht die reichen Privatsammlungen, stolz gehütet in Luxusvillen oder mit Understatement präsentiert in Wunder-Höhlen für zeitgenössische Kunst, getarnt als schäbige Lagerhallen. Atemberaubend kann das für den österreichischen Besucher sein - hier also landen aufwendige Installationen und hochpreisige Fotokunst. Atemberaubend muss es auch für Galeristen sein - hier wird in großem Stil eingekauft. Shopping eben.
Um Berge nicht immer nur zum Propheten pilgern zu lassen, leistet sich die Diva aller Kunstmessen, die "Art Basel", seit vergangenem Jahr eine Dependance in Miami Beach. Und der europäische Kunst-Jet-Set fliegt mit in den Süden. Winterflüchtlinge. Kunstsüchtige. Kaufwütige. Auch der sich gerade entwickelnde lateinamerikanische Markt soll von hier aus bedient werden.
Fünf Tage lang versammelten sich in Miami Beach heuer zum zweiten Mal Anfang Dezember 175 Galerien aus aller Welt zur "besten Messe für zeitgenössische Kunst in Amerika" (New York Times), "konkurrenzlos und einzigartig" (FAZ). 30.000 Besucher wurden gezählt. Die Tochter der Basler Institution hat eben den Charme der Jugend, buhlt noch völlig hemmungslos um Superlative. Über 100 Events - Vernissagen, Empfänge, Mode-, Design-, Musik-Events - immerhin lud gleich Lenny Kravitz zum Tanz, jagten Kunstinsider in Schwärmen durch die Stadt. Das exklusive Rahmenprogramm - Erfolgsrezept für jede Kunstmesse.
Ungeniert hat sich die "Art Basel Miami Beach" auch gleich ihre Gegenveranstaltung einverleibt - ähnlich der Basler Alternativmesse "Liste" wurde in Miami am Strand ein Container-Dorf aufgebaut. Preisgünstiger als am Hauptveranstaltungsort durften sich bei den "Art Positions" noch weniger Etablierte präsentieren - darunter auch die Wiener Galerie Senn.
Pulsierendes Zentrum jedoch war das "Convention Center", ein wenig glamouröser Nutzbauer, der gleichzeitig noch eine Lebensmittel-Messe beherbergte. Doch im Inneren der Halle warteten dann zwischen einem Meer von weißen Calla-Blüten die strahlenden Priester der heutigen Kunstproduktion in ihren reich geschmückten Kojen-Kultstätten. Mit 385 Dollar pro Quadratmeter ist die "Art Basel Miami Beach" die teuerste Kunstmesse der Welt. Sogar teurer als Basel (325 Dollar). Der Unterschied aber liegt vor allem im Angebot: Während in der Schweiz das Verhältnis zwischen Händlern der klassischen Moderne und denen der zeitgenössischen Kunst ausgewogen ist, dominieren in den USA klar letztere. Auch die Größe ist überschaubarer: etwa 100 Galeristen weniger finden Platz in der Miami-Messe. Welche Messe ist nun die bessere? Keine, sie sind nur anders. Die eine der unangefochtene, gediegen glamouröse Koloss, die andere "faster" und erlebnisorientierter.
Hier stößt man auf riesige plüschige Wächter-Figuren vom japanischen Pop-Künstler Murakami, auf kleine makabre Schneekugeln mit Erschießungsszenen, einen Jawlensky um 3,2 Millionen Dollar, und sogar auf ein monumental aufgeblasenes Sudan-Foto von Leni Riefenstahl. Die größte Installation, eine fünf Meter hohe Alu-Tulpe von Tom Wesselmann, kann um 600.000 Dollar in den Vorgarten gestellt werden.
Es dominiert eine plakative Gegenständlichkeit - in Fotos, Malerei, Skulptur. Vieles dabei gleitet leicht in wahre Kitsch-Orgien ab. Ein Trend mit Ablaufdatum? Aber wie in der Mode ist auch in der Kunst zur Zeit alles möglich.
Die Nachfrage jedenfalls stimmte. Auch die acht österreichischen Galerien waren mindestens zufrieden. Martin Janda traf mit den mädchenhaften Bildern Adriana Czernins den Sammler-Geschmack, Ursula Krinzinger mit den verschwommenen Fotos von Eva Schlegel. Fotografie boten auch Grita Insam (Candida Höfer, Frántisek Lesak) und Rosemarie Schwarzwälder (James Welling) erfolgreich an. Thaddaeus Ropac strahlte im Trubel: "Heuer war es noch besser als 2002 - da war alles noch sehr europäisch, heuer dominieren die amerikanischen Sammler". Nach Basel allerdings kämen mehr Kuratoren und Museumsleute. Vor allem sei Miami eben Marktplatz. Darüber konnte sich auch Ernst Hilger so richtig freuen, der mit Fotokünstler Brian McKee gut verkaufte. Kerstin Engholm bestritt die Messe in einer geförderten Koje mit Mark Hosking.
Alles schien zu glänzen. Auch die Veranstalter. Schwarze Zahlen aber schreibt die Messe noch keine. Wegen 9/11 musste der geplante Start 2001 um ein Jahr verschoben werden. Ein grober finanzieller Verlust für die Messe-Gesellschaft: vier Millionen Dollar. Noch ein Jahr werde man brauchen, so Marketing-Leiter Peter Vetsch, bis die Messe sich erholt habe. Unter Palmen regeneriert es sich allerdings recht amüsant.