Verwachsene Verhältnisse

Linde Waber hat im Wiener Künstlerhaus ihr dichtes Beziehungsgeflecht ausgebreitet. Sentimental, liebevoll und ein wenig wirr.

Die kreative Ordnung hat sie ge sucht, ist in die systematischen Überlebenskonzepte von Malern, Schriftstellern, Musikern, Komponisten, Architekten eingedrungen. Angeregt von Schriftstellerin Liesl Ujvary besucht und zeichnet Linde Waber, 1940 in Zwettl geboren, seit 20 Jahren die Arbeitsräume und Ateliers ihrer Künstlerkollegen. Eine fast verstohlene Neugierde, die respektvolle Zurückhaltung vor dem Intimsten des anderen bedingt. Entsprechend tastend wirken auch die über 500 Raum-Porträts: Gedämpfte Farben, atmosphärische Ausschnitte, das Auge ruht auf dem Detail - die Pfeifensammlung am Schreibtisch von Ernst Jandl, die scheinbar so achtlos hingelegte Fotoausrüstung von Franz Hubmann.

Keinen Halt hat Waber auch vor ihren jungen Kollegen gemacht. Mit Gelatin, Dorit Margreiter und Florian Pumhösl mischen sich Stofftiere, Computer und Karteikästen zwischen die meist von Papier und Büchern überfluteten Arbeitsplätze. Faszinierend extrem: die wuchernden Umgebungen von Friederike Mayröcker und Lyriker Hermann Gail. Alles Stimmungsbilder, die zwischen heiter und sentimental changieren, sind die Zeichnungen gleichsam auch fragile Erinnerungen an Max Weiler, H. C. Artmann oder György Sebesty©n.

Mit "Genius Loci" spannt Linde Waber im Künstlerhaus die Fäden ihres die jüngere österreichische Kultur- und Kunstgeschichte umfangenden Netzes. Freundesgruppen fügen sich zusammen, Einzelkämpfer werden eingebunden. Ergänzt und aufgelockert wird die fröhlich ausufernde Schau durch Werke der besuchten Künstler. Im Hauptraum hängen große Formate von Frohner, Weiler, Staudacher, Hannes Mlenek, Walter Weer. An Tischen werden Hörbeispiele angeboten. In diesem Geflecht sollte man sich besser auskennen - denn mit genauen Beschriftungen hält man sich etwas insiderisch zurück. Berauschung statt Orientierung, aber immerhin äußerst sinnlich.

Weniger sinnlich sieht die nähere Zukunft des Künstlerhauses aus. Nach "Genius Loci" und Kunst aus Bratislava im Obergeschoß wird drei Wochen lang "Abstraction Now" aufgebaut. Mit Ende September stellt man den Ausstellungsbetrieb für etwa ein Jahr weitgehend ein, die Sanierung des Hauses beginnt. Für Herbst rechnet Geschäftsführer Peter Bogner auch mit dem "OK der Stadt Wien" für die Erweiterung unter dem Karlsplatz, die sich Künstlerhaus und Historisches Museum teilen sollen.

"Genius Loci": bis 27. Juli. Täglich 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr.

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