Stecken dubiose Sammler aus den USA, Japan oder Australien hinter dem spektakulärsten Diebstahl der österreichischen Kunstgeschichte?
WIEN. Sonntag, kurz vor zwei Uhr: Auch im Kunsthistorischen Museum geht die "Lange Nacht der Musik" zu Ende. Unter dem Motto "Dass wonnig und hehr die Nacht wir teilen" hatten sich über 2000 Besucher im Museum aufgehalten. War unter ihnen auch jener Mann, der wenig später die 50 Millionen  teure Skulptur stahl?
1.59 Uhr: Die Alarmanlage wird scharf gestellt, die drei Nachtwächter beginnen mit ihren Runden durch Dachboden und Keller. Da in den Schauräumen Bewegungsmelder installiert sind, sind diese von den Rundgängen ausgenommen. Die Wärter besuchen die Räume auch nicht, als um vier Uhr der Alarm losgeht. Zu oft war man durch Fehlalarme aufgeschreckt worden. Doch diesmal ist der Alarm echt.
Man hat es dem Dieb leicht gemacht: Das Vorhängeschloss am Maria-Theresien-Platz, das die Türen zum Gerüst absichern soll, ist sofort geknackt, das Gerüst an der Seite zum Museumsquartier leicht erklettert, die Scheibe im 1. Stock problemlos einzuschlagen.
Der Täter weiß ganz genau, was er will: Nicht die "Madonna im Grünen" von Raphael, die unmittelbar hinter dem begehrten Stück hängt, sondern das Salzfass "Saliera" von Benvenuto Cellini (siehe "Ein Meisterwerk").
Die 26 Zentimeter hohe und 33,5 Zentimeter breite vergoldete Skulptur, die zwischen 1540 und 1543 in Frankreich entstanden ist, steht unter einem Glassturz. Dieser ist allerdings nicht aus Panzerglas, wie man vermuten würde: "Ein kleiner Hammer genügt, um das Glas einzuschlagen", sagt ein Ermittler. Dann entschwindet der Unbekannte, wie er gekommen ist. Ob ein Komplize "Schmiere gestanden" ist, war Sonntagnachmittag noch unklar.
Im "Kunsthistorischen" geht alles seinen gewohnten Gang - bis 8.20 Uhr: Da entdeckt eine Putzfrau die Scherben in der Gemäldesammlung. Diesmal reagieren die Museumswärter: Großalarm. Spurensicherung, Befragungen, die übliche Vorgangsweise. Hofrat Wilfried Seipel, Leiter des Museums, ruft Innenminister Ernst Strasser an: Dieser verspricht, die besten Leute zu mobilisieren.
Über Interpol werden Fotos und eine Beschreibung des Werkes an ausgeschickt, die Grenzdienststellen verständigt. Doch seit dem Raub sind bereits mehrere Stunden vergangen, in denen das "Salzfass" aus Österreich gebracht werden hätte können.
Jene drei Wärter, die auf den Alarm nicht reagiert haben, werden sofort vom Dienst suspendiert - zumindest bis die Untersuchungen abgeschlossen sind.
"Absolut unverkäuflich" sei das Werk auf dem freien Markt, sagt Seipel zur "Presse". "Ich hoffe, dass der Wahnsinnige nicht auf die Idee kommt, es einzuschmelzen." Da das Salzfass "nur" vergoldet sei, sei der materielle Wert relativ gering, der kunsthistorische umso höher. Einziger Trost Seipels: Das Kunstwerk war bei der Uniqa-Versicherung versichert.
Das Museum hat eine Prämie von 70.000 Â ausgesetzt.
Auch Anita Gach, die im Bundeskriminalamt für die Wiederbeschaffung gestohlener Kunstwerke zuständig ist, glaubt nicht, dass das "Salzfass" auf legalem Wege verkauft werden kann. Hinter dem Diebstahl dürfte ein Auftraggeber aus dem Ausland stehen: "Solche Leute sitzen am ehesten in den USA, Japan oder Australien." Diese könnten ihre Werke nicht offiziell ausstellen, sondern höchstens in ihren Zirkeln damit prahlen.
Zweite Möglichkeit: eine Erpressung. Einen derartigen Fall habe es in Österreich bisher noch nicht gegeben. Gach: "Wir müssen abwarten, ob sich jemand meldet."
Übrigens: Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, hat das Museum eine Belohnung von 70.000 Euro ausgesetzt.