Mit einem ironisch funkelnden Labyrinth würdigt das Museum für angewandte Kunst die Wiener Werkstätte zum 100-Jahr-Jubiläum.
Jetzt ist sie also endlich eröffnet, die so heftig monierte Wiener-Werkstätte-Ju biläumsausstellung des Museums für angewandte Kunst. Sehr spät, auf den letzten Drücker sozusagen - das Jahr ist schließlich fast um - und das wird auch gar nicht verheimlicht. Zu allerletzt erst habe er sich entschlossen den Geburtstag mit einer Ausstellung zu begehen, so MAK-Chef Peter Noever bei der Pressekonferenz. Mehr eine Pflichtübung also für dieses Museum, das traditionell mit der WW eng verbunden ist?
Ein Verzicht wäre ein Sakrileg gewesen, ein Hohn gegen die im Haus am Stubentor beschäftigten hochkarätigen Spezialisten, beherbergt das MAK doch auch das Archiv des österreichischen Parade-Design-Unternehmens (1903-1932), das seit zehn Jahren aufgearbeitet wird. Unter der Leitung von Christian Witt-Döring wurden jetzt 1200 Objekte von über 100 Leihgebern aus aller Welt zu einer überraschend anspruchsvollen und recht kantigen Schau zusammengestellt.
Aus dem scheinbaren Schnellschuss soll aber trotzdem eine Kür werden. Das hinausgeschobene Ereignis wird zum möglichst ertragreichen Event gepusht: Der MAK-Shop bietet rechtzeitig vor Weihnachten WW-Souvenirs und günstige Repliken feil, zur Eröffnung wurden gar zehn Journalisten aus Nachbarlanden eingeflogen - und den zeitgenössischen Kick soll eine begehbare Installation von Heimo Zobernig bringen, ein Künstler, dem zur Zeit im Ausstellungs-Design nicht zu entkommen ist.
Aus Baugerüst, dunkelgrauen Platten, transparentem Stoffnetz und Vitrinen baute Zobernig in die zentrale Halle das berühmte Werkstätten-Logo aus den beiden sich überschneidenden Ws ein - die immerhin als das erste "Corporate Identity", die erste griffige Marke der Design-Geschichte gehandelt werden. Nur aus der Vogelperspektive als dieses Logo erkennbar, schleust man sich zwischen hohen Wänden durch ein System gedämpft erleuchteter Schluchten. Links und rechts fluten WW-Objekte über gläserne Regale. Eine wundersame Schatzreise, überall funkelt es, geschickt inszenierte Durchblicke verdoppeln den Effekt eines luxuriösen Bergwerks der Erinnerung.
Doch nur eine Spur Nostalgie ist hier erlaubt - nur keine hemmungslose Verklärung des von Josef Hoffmann, Koloman Moser und Financier Fritz Waerndorfer gegründeten und später in den Bankrott geschlitterten Nationalheiligtums. Streng chronologisch werden Mode, Keramik, Möbel, Schmuck, Entwürfe, Metall aufgezählt - ohne Rücksicht auf die unterschiedliche Qualität der verschiedenen Phasen der WW, was zu Beginn ziemlich irritieren kann. Keine "Best-Off"-Show wird abgefeiert, sondern ziemlich hart die Entwicklung, die Höhen der Anfangsjahre, Tiefen und Mittelmäßigkeiten, aufgezeigt. Vom Billig-Schmuck, den ab 1910 die Firma Souval für die WW erzeugte, bis zu den kostbarsten Gesamtkunstwerken Stoclet, Primavesi, Purkersdorf. Alle drei Meilensteine sind zur Zeit in Gefahr - Stoclet steht zum Verkauf, Primavesi drohen Einbauten, Purkersdorf wurde durch Revitalisierung entehrt, da sind sich Noever und Witt-Döring einig. Prachtstücken und Geniestreichen wie Dagobert Peches zauberhaften Entwürfen stehen Massenware wie weiß lackierte Blumenkörbchen gegenüber.
In diesem illustren Labyrinth will man sich am liebsten hoffnungslos verlieren - und das ist wahrlich nicht schwer. Entweder entwickelt sich der Besucher hier zum "sehenden" WW-Experten - oder zum verstört Fliehenden. Dann gelangt er aus der zentralen Halle in den Umgang, der die Errungenschaften der WW in die internationalen Entwicklungen einbetten soll. Hier ist es richtig kärglich gegenüber dem opulenten Mittelteil. Ein paar Stücke aus der vorangegangenen englischen "Arts & Crafts"-Bewegung, einige Frühwerke von Koloman Moser und Hoffmann und eine ausführliche Dokumentation der WW-Geschichte. Enzyklopädisch und streng chronologisch auch der Katalog, gehüllt in grell-oranges Plastik, gefüllt mit dem ultimativen Überblick.
Schönheit und Leid liegen eben eng beisammen, das weiß jedes Kind, seitdem es in die Stöckelschuhe der Mutter geklettert ist. Das Leben im Gesamtkunstwerk hat seine Nachteile - es ist teuer und kostet persönliche Freiheit. Ein Zustand, den das MAK nur zu gut kennt. Der Titel der Jubiläumsausstellung hätte so nicht doppeldeutiger gewählt werden können: "Der Preis der Schönheit".
Bis 7. März. Di. 10-24 Uhr, Mi.-So. 10-18 Uhr.