Das Leopold Museum zeigt in Medienpartnerschaft mit der "Presse" in der Sonderausstellung "Der neue Staat" polnische Kunst zwischen 1918 und 1939. Eine wahre Entdeckung und längst überfällige Notwendigkeit.
Manet in Stuttgart, Impressionisten im Wiener Kunstforum, Klimt in der Österreichischen Galerie Belvedere, Matisse in Frankfurt, mit Edvard Munch wird die Albertina eröffnen. Die Klassische Moderne ist ein sicherer Publikumsgarant und wird dementsprechend inflationär ausgestellt.
Immer öfter stellt sich die Frage der Notwendigkeit: Warum fragiles Kulturgut durch die Welt reisen muß, um die Budgets der Museen aufzubessern. Neue kunsthistorische Erkenntnisse bringen sie selten. Umso mehr bleibt einem der Atem weg bei der frisch eröffneten Ausstellung im Leopold Museum im Wiener Museumsquartier. Man wagte sich hier an die Bearbeitung eines weißen und blamablen Flecken im öffentlichen wie wissenschaftlichen Bildgedächtnis: Die polnische Kunst der Zwischenkriegszeit zwischen 1918 und 1939.
Wer schüttelt schon locker den Namen von einem der Hauptvertreter der Moderne aus dem EU-Beitrittsland aus dem Ärmel? Gerade Tamara Lempicka ist bekannt. Die Erklärung hierfür ist ihre frühe Präsenz in der internationalen Kunstszene: Die 1898 in Warschau geborene Art-Deco-Malerin emigrierte 1918 nach Paris und später nach Amerika.
Dementsprechend verloren muß man sich seine Orientierung in der neuen Ausstellung "Der neue Staat" erst erkämpfen. Keine bekannten Namen, keine D©j -Vues. Ein hinreißendes Abenteuer, eine Exkursion durch die Wurzeln der zeitgenössischen polnischen Kunst, die immer öfter in heimischen Galerien auftaucht. Auch in Polen selbst wird diese Epoche eben wieder neu entdeckt; die Chefkuratorin der Schau, Romana Schuler, holte einige der über 200 Exponate sogar aus den Depots der zwanzig polnischen Leihgeber.
84 Künstler wie Künstlerinnen sind vertreten, es wurden keine hierarchischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Gattungen gewollt - volkstümliche Kunst mischt sich zwischen die internationale Abstraktion eines Wladyslaw Strzeminski, Avantgardefilme zwischen Malerei, Plastik, Mode, Porzellan, Graphik. Einflüsse aus Kubismus, Expressionismus, Surrealismus etc. verschmelzen mit der eigenen Kunsttradition. So finden sich viele religiöse Motive und auffällig viel Holzschnitzerei und Holzschnitte.
Der Einstieg in diese überwältigend reiche Ausstellung wird einem angenehm leicht gemacht. Monumentale Projektionsflächen und Plakate verfehlen ihre repräsentative Wirkung nicht, verfremden das hohe Atrium zu einem neuen, virtuell erweiterten Raum. Dazwischen ergänzen Büsten, Modelle von Denkmälern, nachgebaute würfelförmige Originalmöbel eines Industriekinos diese erste Zone der Ausstellung. Sie ist der Repräsentation Polens gewidmet, das sich nach 123 Jahren Unfreiheit 1918 wieder formierte.
Zonen und Manifeste
In sieben weitere "Zonen" kann von hier aus vorgedrungen werden. Ein thematisches, nicht chronologisches Ausstellungskonzept, das sich auf den "Strefismus", die Zonen-Theorie von Leon Chwistek (1884 bis 1944) bezieht: Die Bildfläche soll aus unabhängigen, kontrastreich abgegrenzten Farbflächen und Formen konstruiert werden. Der Künstler, Logiker und Philosoph war einer der führenden Köpfe der polnischen Avantgarde, deren wichtigste Manifeste und Theorien erstmals in deutscher Übersetzung im phantastischen Ausstellungskatalog nachzulesen sind.
Der Abschnitt "Neues Land" umreißt die Darstellung der Landschaft und der Industrialisierung. "Realismen" macht mit der Gruppe "Rhythmus" bekannt, die wegen ihrer repräsentativen, gegenständlichen Malerei Mitte der zwanziger Jahre als eine Art "Staatskunst" zu sehen ist. "Neue Welten" und "Neue Formen" zeigen angewandte Kunst und die erneuernden Einflüsse der verschiedenen Ismen. Nach den "Kolorismen" und "Expressionismen" beeindrucken zum Schluß die "Visionen", wo in einer Gegenüberstellung der drei großen, einst befreundeten dann zerstrittenen Persönlichkeiten - Leon Chwistek, Stanislaw Witkiewicz und Wladislaw Strzeminski - noch einmal die künstlerische und philosophische Vielfalt dieser in sträfliche Vergessenheit geratenen Zeit anschaulich wird.
Jede Stellwand, jeder Sockel, die Projektionsflächen, die Kinoboxen sind mit konstruktivistisch anmutenden Verstrebungen geerdet oder eingespannt. Ein liebenswertes Detail einer in Qualität, Anspruch und Design herausragenden Ausstellung, die zu Beginn des neuen Jahres eine schwer zu überbietende Vorgabe für alle kommenden bildet.
Bis 31. März. Tägl. außer Dienstag: 10-19 Uhr, Freitag 10-21 Uhr.