Eintreten verboten! Das verweigerte Abbild

Die Kunsthalle Wien zeigt mit Walter Niedermayr einen kühlen Beobachter unserer Alltags-Kulisse. Der scharfe Blick strengt an.

Monoton gleiten die Skifahrer an zwei Schleppliften hängend die weiße Fläche hinauf. Ohne Anfang, ohne Ende. Unaufgeregt schaltet die Projektion des Video-Loops im dämmrigen Beton-Stiegenhaus der Wiener Kunsthalle die Wahrnehmung auf den Stand-by-Modus.

Sensationen serviert der 1952 in Bozen geborene Photograph Walter Niedermayr keine. Sein Programm ist "Entschleunigung". Er erarbeitet Innen- und Außenräume. Und die menschlichen Spuren in ihnen. Ansichten von Schneepisten, gesprenkelt von Skifahrern, Snowboardern, ameisengleich. Ähnlich im Sommer, wo Wanderer grüne Wiesen besetzen. Eine winzige Figur verliert sich wie bei Caspar David Friedrich vor einer Gletscherformation. Unter mächtig gewundenen Autobahnbrücken erobern sich Natur wie Menschen Lebensräume zurück, der sonst hektische Operationssaal wirkt eingefroren.

Ob in Japan, den USA oder Italien - überall austauschbare Tourismus-Orte, Spitäler, austauschbare Fitness-Center, Verkehrsknoten. In Zeiten der Globalisierung erinnern nur verräterische Details an Grenzen - und Nahansichten sind nicht Niedermayrs Anliegen. Distanz und die mit ihr einhergehende Kühle dominieren, kein Platz für moralisch erhobene Zeigefinger.

So fröstelt es einen auch in der Kunsthalle, in der sich eine monumentale Panorama-Ansicht an die nächste reiht. Giftgrüne Gänge bilden das Leitsystem dieser Werkschau, aufmunternd grell von "Pauhof" gestaltet. Es ist die erste derart große Ausstellung des Photographen, die nach Wien auf Tour durch Europa geht.

Mit "Bleichen Bergen", einer Bilder-Serie über die Dolomiten, wurde Niedermayr 1995 international bekannt, reihte sich in die Gruppe der hochgehandelten Düsseldorfer Starphotographen ein, wie Thomas Struth mit seinen Landschaften, Thomas Ruff mit seinen klaren Architektur-Photographien. Mit Candida Höfer entdeckt man sogar überraschende thematische wie stilistische Überschneidungen, etwa bei ihren verlassenen Bibliotheksräumen.

Was also macht den Niedermayrschen Blick unverwechselbar in diesem boomenden Genre der Entleerung? Sicher seine schon über Jahrzehnte hinweg stur verfolgte Strategie. Ein Unterschied ist auch die Demontage des Wahrheitsanspruchs des Einzelbildes. Eine Arbeit besteht immer aus mindestens zwei gleichberechtigten, getrennt gerahmten Photographien - knapp übereinander oder nebeneinander gehängt. Die leicht verschobenen Übergänge brechen die Realität des abgebildeten Raumes, die Blickwinkel ändern sich minimal.

Das spezielle Licht in Niedermayrs Photographie tut sein übriges zur Entfremdung der alltäglichen Kulisse. Durch eine leichte Unterbelichtung im Moment der Vergrößerung entsteht das diffuse Licht, das die Konturen verstärkt, Flächen zu Ebenen verschmelzen läßt und so die Perspektive unterminiert.

Am stärksten wird Niedermayr in seinen Innenräumen. Lange Gänge, scheinbar leer. Nur der Hauch einer menschlichen Gestalt huscht vorbei, an die man sich gerne klammert, in all dieser Kälte.

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