Privat-TV: Böse Buben, salonfähig

Am 1. Jänner 1984 ging das erste deutsche Privat-TV auf Sendung. Sat1 und RTL wurden erst belächelt, dann kritisiert - und zeigen heute vor, wie man Quote macht.

Tutti Frutti" und Reality-TV, "Der hei ße Stuhl" und "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" - das Privatfernse hen in Deutschland hat viele Kinder. Geliebte und Ungeliebte. Manche Missgeburt ist auch dabei gewesen, doch das anfangs scheel beäugte neue Medium ist seit dem Urknall vor zwanzig Jahren zum Fixstern am Unterhaltungshimmel geworden. Ob Couch-Potatoe oder Hochschul-Professor: privat Fernsehen tun sie alle. Denn längst laufen bei den Privaten nicht mehr nur barbusige Quasten-Tänzerinnen durch den Bildschirm - man findet hier auch professionelle Information und Unterhaltungsprogramme, über die keiner mehr die Nase rümpft. Auch. Denn selbst zwanzig Jahre nach ihrem Auftauchen am medialen Firmament sind es nach wie vor die Privaten, die den Öffentlich-Rechtlichen mit seichten Spektakeln aller Art die Schau stehlen - und diese zum Nachmachen anregen.

Begonnen hat alles am 1. Jänner 1984 - vor einigen hundert Zuschauern. Da startete ein gewisser Leo Kirch, Filmhändler aus München, im Kabelprogramm von Ludwigshafen das "Programm für Kabel und Satellit", PKS, als erstes privates Fernsehen in Deutschland. Ein Pilotprojekt, ohne Garantie auf Erfolg. Auch der Name versprach weniger, als man sich erhoffte. Ein Jahr später wurde umgetauft - die PKS wurde zu Sat1. Auch nicht schmissig, aber von Dauer.

Schon am 2. Jänner 1984 bekam der Winzling Konkurrenz. Vorerst freilich ungeahnt: Radio Television Luxemburg startete mit RTLplus auf einer Frequenz, die von gerade 200.000 Haushalten empfangen werden konnte. Der spätere Fernsehmarktführer sendete aus umgebauten Garagen in Luxemburg. Auch hier taucht gleich zu Beginn ein Name auf, der TV-Geschichte schreiben sollte: Senderchef war Helmut Thoma. Wie so viele im deutschen TV-Business ein Österreicher. Während es hierzulande noch fast zwei Jahrzehnte dauern sollte, bis mit ATVplus der erste Private die Chance bekam, mit viel Verspätung ins Quotenrennen einzusteigen, machten nicht wenige heimische Fernsehmanager in Deutschland ihren Weg: Neben Thoma sind das etwa Georg Kofler (Ex-ProSieben-Geschäftsführer und heute Chef von Premiere), Gerhard Zeiler (Ex-ORF-Generalintendant und heute RTL-Chef) oder Rudolf Klausnitzer (er war Programmchef von Sat1 und Premiere).

Mit RTL und Sat1 waren von Anfang an die zwei großen privaten Konkurrenten auf dem Markt, die sich nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen die alteingesessenen öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF behaupten mussten. Und das möglichst laut, möglichst frech, möglichst skandalträchtig. Es ging darum, den Zuschauern mit optischer Gewalt das Zappen beizubringen. Die Gazetten qualifizierten die Newcomer rasch auf Grund ihres Gehabes ab: Die Abkürzung R-T-L wurde zum wenig schmeichelhaften Rammeln, Töten, Lallen uminterpretiert. Der Ruf der Privaten war nachhaltig angekratzt.

1989 gesellte sich mit ProSieben ein dritter Privater in die mediale Pokerrunde. 1990 überschritt RTL als erster Privater in Deutschland bei den Marktanteilen die 10-Prozent-Hürde, 1993 überholte der Sender mit 18,9 Prozent Marktanteil als erster einen Öffentlich-Rechtlichen (das ZDF hatte 18 Prozent). Doch das As im Ärmel kann gerade im harten Fernseh-Geschäft schneller verspielt sein, als man glaubt. Erst rollte eine Fusionswelle durch die deutsche Fernsehlandschaft: Im April 2000 entstand die RTL-Group (mit RTL, Vox, n-tv, Super-RTL, RTL2 und weiteren internationalen Sendern), im Juli fusionierte Leo Kirch die ProSiebenSat1 Medien AG (mit ProSieben, Sat1, Kabel1, N24). Dann machte Kirch spektakulär pleite - und musste das Herzstück seines Konzerns im Sommer 2003 an den US-Investor Haim Saban abtreten.

Die großen Privatsender Deutschlands sind längst seriös geworden und haben die nörgelnden Quälgeister weitgehend zum Schweigen gebracht. Doch die kleineren Konkurrenten, die ebenfalls um Quoten und Werbeeinnahmen rittern, versuchen es nun ihrerseits mit leichter Kost.

Auch wenn sich die deutschen Privaten erst vor wenigen Wochen auf Kriterien für Telefonsex-Werbung und "Sex-Clips" verständigt haben - die Versuchung, den anderen an Niveau zu unter- und an Geschmacklosigkeit zu überbieten ist im umkämpften Markt gegeben. Wie "dual" dieses System geworden ist, zeigt sich auch daran, dass viele Innovationen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern Aufmerksamkeit finden. Sie wollen sich nicht mehr auf den Gebühreneinnahmen ausruhen - und machen bereitwillig die von den Privaten vorgegebenen Trends mit, auch in Ko-Produktionen wie etwa "The Bachelor" (RTL/ORF). Die bösen Buben von einst sind salonfähig geworden.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.