Der große alte Joao Gilberto entschädigte beim Jazzfest Wien für das, was am Vorabend gefehlt hatte: Engagement und Seele.
Ein einsamer Sessel in der Mitte der riesigen Staatsopernbühne. Zwei Mikrofone, eines für den Gesang, eines für die akustische Gitarre. Und: ein Schemel, auf dem der rechte Fuß des 72-jährigen Meisters ruhte - während der linke in einem fort tänzelte: Der große alte Mann des Bossa Nova, Joao Gilberto, trat auf, wie ein Großvater, der von der Schönheit des Leben erzählt, verlor dabei aber kaum Worte und ließ vor allem die Musik sprechen. Und wie!
Sein verhalten-feuriges, rhythmisch unwiderstehliches Gitarrenspiel - das 1958 den Bossa Nova eingeläutet hat - und sein einzigartiger Gesang, mit leicht hingeworfenen Tönen und viel Witz, kamen wie eine mit den Fingerspitzen gestreichelte Herzmassage daher, wie ein Seelentröster, der die kalte Welt ringsherum als bloße Chimäre erscheinen ließ. Die Fans, inklusive der offenbar vollzählig erschienen Brasilianer-Gemeinde Wiens, dankten es mit Stille während des Konzerts - und Riesenjubel danach.
Das Glück, das das Jazzfest Wien mit dem Aufbieten von Jazz-Veteranen so oft hat - mit Gilberto und zuvor schon mit Johnny Winter oder Shirley Horn -, ist den Veranstaltern aber nicht immer hold. Am Mittwoch konnten zwei ebenso große Namen nicht überzeugen. Das US-Vokalensemble Take 6 ließ zwar immer wieder durchblicken, warum es seit gut einem Jahrzehnt an der Weltspitze mit singt. Doch das Engagement, das die Vokalisten an den Tag legten, war - freundlich gesagt - enttäuschend.
Marcus Miller, immerhin früher Bassist, Soundgeber, Produzent von Miles Davies, konnte auch nicht überwältigen. Zugegeben: Miller ist ein ausgezeichneter Begleiter, egal ob im Funk, Jazzrock oder Pop. Doch als großer Melodiker vor dem Herrn erwies er sich am Mittwochabend nicht. Er lieferte zwar virtuose, aber platte Soli und blieb zu sehr im Bombast-Stil seiner großen 80-er Jahre verhaftet. Die mit wenigen Ausnahmen nicht gerade furiose Band tat das Ihrige, dass ein schaler Nachgeschmack blieb.