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Jazzfest Wien: Das Altersheim soll warten

Wiedersehen mit einem der letzten Charismatiker des Blues: Johnny Winter gab sich selbstvergessen der Magie des Genres hin.

Dem Genre Blues geht es nicht besonders gut. Nach einer späten Blüte, die in den Sechzigern anhob, leben, abgesehen von B. B. King und Bobby Blue Bland, kaum noch große Stilisten. Junior Wells, Albert Collins, Luther Allison, Jimmy Witherspoon, John Lee Hooker? Sie alle sind nicht mehr. Der Blues tritt in eine Phase des Musealen ein. Der US-Kongress hat 2003 sogar zum Jahr des Blues erklärt. Filmregisseur Martin Scorsese produziert sieben Fernsehfilme, an denen sich Größen wie Wim Wenders, Clint Eastwood und Charles Burnett mit diesem neben dem Jazz größten afro-amerikanischen Musikstil beschäftigen.

Einen der letzten Charismatiker des Genres, den Texaner Johnny Winter, durfte man nach langen Jahren der Abwesenheit beim Jazzfest Wien am Open-Air-Gelände der Fernwärme begrüßen. Es war ein freudiges Wiedersehen, gepaart mit einer guten Portion Schrecken. Der 59jährige Albino, der nach einer Hüftoperation nur mehr im Sitzen spielen kann, wirkte seltsam greisenhaft. Wie er da, auf einen Gehstock gestützt, auf die Bühne tapste, das hatte etwas Rührendes. Zügig stöpselte der rapid gealterte Held seine Gitarre ein und entäußerte zur Erleichterung der Fans ebenso raue wie ekstatische Klänge.

Als aber "Hideaway", die traditionelle Eröffnungsnummer, nicht die erwünschte Beifallsintensität erreichte, murmelte der sanfte Musiker mit dem martialischen Aussehen ein wenig resignativ: "Why you don't love me?" Indes, die vitalen Sounds seiner großartigen neuen Gruppe, aus der der Bassist Scott Spray und der Mundharmonika-Spieler und Sänger James Montgomery hervorstachen, lockten den Veteranen vom trockenen Acker des Selbstzweifels.

Schütterer Beifall hin, Altersbeschwerden her, schon beim introvertierten Groover "Sugar Coated Love" gab sich Winter selbstvergessen der Magie des Blues hin, wo man innerhalb eng gesteckter Grenzen die Freiheit zelebriert. Der Zeit und dem Raum enthoben, dispensiert vom Ursache/Wirkung-Geflecht unserer komplizierten Gesellschaft, lockt der Blues in Gefilde, wo paradoxerweise die intensive Beschäftigung mit Leid für die Erlösung von demselben sorgt. Etwa im seelenvollen "Black Jack Blues".

Winter solierte versonnen, dass ihm die Zunge zwischen die Zähne rutschte. Mit "Got my Mojo Working", "Cold Rock", vor allem mit dem glühenden "Johnny Guitar" legte man schnellere Gänge ein, die heftig akklamiert wurden. Eine köstliche Zugabe auf der Slidegitarre gab's, dann wackelte die Legende von der Bühne. Ab in den Bus zum nächsten Auftritt, denn das Altersheim für Ganzkörpertatöwierte ist noch nicht erbaut.

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