Pop

Sound-Teppich mit Zeitgeist-Schwips

"Sound Systems" im Salzburger Kunstverein: Klassik, Pop und Beat-Machines im Edel-Contest.

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as heurige Schweizer Biennale- Fräuleinwunder Emmanuelle An tille tut es. Die New Yorker Male rin Mary Heilmann, zur Zeit in der Secession ausgestellt, schon lange. Und die Ars Electronica predigt es Jahr für Jahr aufs neue. Kunst und Klang sind ein weites Land. Pop, Elektro, Rock und Sounds können aus der bildenden Kunst nicht mehr ohne gravierenden Substanzverlust herausgefiltert werden. Immer stärker kommt es zur Symbiose - etwa bei Emmanuelle Antilles lieblichen Video-Rockband-Installationen oder bei den dröhnenden Elektro-Visuals von "Granular Synthesis", Österreichs Biennale-Vertretern 2001. Und das Zitat ist in der Avantgarde sowieso nicht mehr zu vermeiden - wie bei Mary Heilmann, die ihre bunten Bilder bevorzugt nach Songs von "Velvet Underground" benennt.

Der Künstler will auch Popstar sein, die Versuche sind so legendär wie redundant: Peter Weibels frühe 80er-Jahre-Formation "Hotel Morphila Orchester", Martin Kippenbergers Punk-Abenteuer "Die Grugas" und - gerade aktuell in Wien - Raymond Pettibons & Hans Weigands "Crinkum Crankum Band". Performance und Narzissmus, Beats und blendende Spots - das ergibt Glamour.

Ziemlich spröde dagegen präsentiert der Salzburger Kunstverein seine Auswahl zum Thema Musik und zeitgenössische Kunst. Ein Gebiet, das in den letzten Jahren immer wieder die Kuratoren herausforderte - etwa vor drei Jahren im Wiener Künstlerhaus, wo "Sounds&Files" aber stärker die Musikproduzenten hervorhob. 1998 schon zeigte die Kunsthalle Wien "Crossings: Kunst zum Hören und Sehen", ein Spektakel mit historischem Anspruch, beginnend mit Beuys und John Cage. Kuratoren waren Cathrin Pichler und Edek Bartz.

Letzterer wurde jetzt auch vom Salzburger Kunstverein als Crossover-Experte herangezogen. Mit wenig Glitzer, gar nicht grell und ohne Kult-Kitsch konzentrierte Bartz gemeinsam mit Hildegund Amanshauser die Gruppenausstellung "Sound Systems" auf zwölf Künstler und zwei Schwerpunkte: klassische und populäre Musik. Ein gewisser netter Hang zur Absurdität verbindet dabei alle Arbeiten, angeführt von Rodney Grahams "unendlicher" Komposition.

Teppich, Sessel und Notenständer bilden das kammermusikalische Equipment. Die Wand dient als monströser Programmzettel: "Parsifal (1882 ca. 17 Uhr bis 38 969 364 735 ca 19.30 Uhr)". Die Auflösung der rätselhaften Installation findet am 24. August, 20. September und 12. Oktober statt - live.

Live-Konzert auch rund um die Uhr im Kunstverein: Die 1996 gestartete "The Monsters of Rock Tour" versammelt wohl die zahlenmäßig größte Band überhaupt auf einer Bühne. Unter bunten Scheinwerfern und mit Lautsprecherboxen-Türmen ausgestattet, gibt sich eine Grillen-Kolonie den ultimativen Gig. Tierschützer können wenigstens ernährungstechnisch beruhigt sein: für bestes Backstage-Catering im Bühnen-Terrarium hat der schwedische Künstler Henrik H¥kansson gesorgt. Einzig, das Zirpen geht im dichten Sound-Teppich der Ausstellung ziemlich unter.

Natur gegen Drum Machines ist eben unfair. Der Turner-Preisträger 2001, Martin Creed, ist für diese spartanischste Arbeit der Schau verantwortlich: Stupid wiederholt eine schon etwas mittelalterliche Rhythmusmaschine ihr Repertoire - Pling, plang, plang. Jung, britisch, provokant? Im besten Fall ernüchternd. Entlarvend dagegen die glasklare Videoinstallation des Dänen Joachim Koester. Unerbittlich schweift die Kamera in einer Galerie über Mädchen-Streichquartett und ebenso schickes junges Publikum. Jedes Nippen am Weinglas, jedes verhaltene Flüstern wird zum Hinterhalt gegen Schostakowitschs Musik. Ein wenig Glitzer dann in Nadine Robinsons Bild-Klang-Skulptur: Über eine weiße Leinwand schwingt eine feine silberne Schriftlinie, beginnend mit "flirting", endend mit "fashionmagazines". Eingerahmt von zwei Vintage-Lautsprechern, aus denen im Endlos-Loop "It's a thin line between love and hate" der "Pretenders" mehr flüstert als schallt - Klassische Moderne mit nostalgischem Zeitgeist-Schwips.

In der Reichweite kann "Sound Systems" mit der "Crossings"-Urschau der Kunsthalle nicht konkurrieren. Aber die Auswahl der Künstler ist so originell (etwa die lettischen Biennale-Teilnehmer Blumbergs/Viesturs) wie die Schau kompakt ist (dank der zurückhaltend ordnenden Architektur von Walter Kirpicsenko). Kein grölender Event, sondern ein weites Land aus Kunst und Klang.

Bis 12. 10. Di.-So. 12-19 Uhr.

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