Pop

Musik ohne Industrie - "This is Hardcore"Wenn Fans ihren eigenen Sound basteln

Eigenbau statt Fließband. Während im TV die "Starmania"-Finalisten um die Gunst des Publikums und eine Instant-Pop-Karriere kämpfen, nimmt man am anderen Ende des musikalischen Spektrums die Dinge selbst in die Hand.

WIEN. "This Is Hardcore". Eigentlich hatte Jarvis Cocker, Sänger der Brit-Popper "Pulp", bei diesem Hit eher Horizontales im Sinn - bei HC-Konzerten (Hardcore, zu deutsch: "harter Kern") wird aber, wenn es gut läuft, auch viel geschwitzt. Die Band singt und schreit sich die Seele aus dem Leib, die Fans hüpfen, rempeln oder laufen vor der Bühne im Kreis.

In den Texten geht es oft um das, was in der Welt so schief läuft. "How many starving millions have to die on our front doorsteps?" - "Wieviele Millionen müssen noch vor unserer Türschwelle verhungern?", fragte etwa die US-Band Boysetsfire in ihrem Song "After the Eulogy" in der ausverkauften Wiener "Arena".

Eine wütendere, schnellere, härtere Version von Punk, so beschreibt Jan (25) das, was in den Achtzigern in Washington D.C. seinen Anfang nahm. Vor 13 Jahren hatte Jan zum ersten Mal das Gefühl, daß ihm Zuhören allein nicht genügt und bastelte sein erstes Fanzine, ein selbst kopiertes Heft mit Plattenkritiken, Band-Interviews und Konzert-Fotos. Als niemand den Wiener Auftritt einer schwedischen HC-Band organisieren wollte, tat es Jan - seitdem hat er bereits über 60 Acts veranstaltet.

HC-Motto: Do it yourself!

DIY, "Do it yourself", ist der zentrale Begriff der HC-Szene und die Klammer, die sie zusammenhält. Jeder darf und soll alles machen: Fans agieren als Produzenten oder Veranstalter. Die Bands wiederum fordern von ihren Labels Mitspracherechte, bestimmen die Preise von CD und Tickets. Paradebeispiel in Sachen autonomer Labelpolitik ist die Washingtoner Band Fugazi. Seit über 20 Jahren fördern sie auf ihrem eigenen Label, "Dischord", den HC-Nachwuchs.

Damit steht HC im krassen Gegensatz zur arbeitsteiligen Pop-Branche. Deren jüngster Trend: Casting-Spektakel und anschließende professionelle Bearbeitung des jugendlichen Rohstoffs durch diverse Coaches. Und wenn es mit der Karriere doch nicht klappt, hat man inzwischen zumindest an Gimmicks wie Shampoo, Stickern und Karaoke-CD verdient.

In der HC-Szene hat man an sich nichts gegen Profit - nur steht er nicht an erster Stelle. Sonst, so Jan, würde DIY nicht funktionieren. Es wäre unmöglich, daß man spontan eine US-Band auf Europa-Tournee einladen kann und diese überall einen Platz zum Spielen und Schlafen findet. Manchmal koche dann halt die Mama, erzählt Christoph (21). Eines ist klar: Niemand investiert hier wirklich existenzbedrohende Beträge.

Auch Thomas, Plattenverkäufer im Wiener Skater-Shop "Yummy" und nebenbei HC-Produzent, weiß, daß er bestenfalls ausgeglichen bilanziert. Und daß es in Ermangelung schriftlicher Verträge schon mal zu dem einen oder anderen finanziellen "Mißverständnis" kommt.

Erfolg und Szene-Polizei

Österreichs bekanntester HC-Act, die Grazer Band Redlightsflash, können von Musik allein auch nicht leben. Sie sind glücklich, daß sie mittlerweile die Kosten für Tourbus und Studio abdecken können. Erfolg ist im HC eine diffizile Angelegenheit. Autogramme und kreischende Fans gibt es selten. In der Szene stünden alle auf derselben Stufe, glaubt Jan, während Christoph, ab und an selbst Bandmitglied, Eitelkeit und Starallüren nicht ausschließen mag. Erfolg und hohe Erwartungen haben jedenfalls so manches hoffnungsvolle Talent auf dem Gewissen. Auch "Snapcase", die am 28. Jänner in der Wiener Arena spielen, sind schon mal vor diesem Druck in die Knie gegangen und hatten sich kurzfristig aufgelöst.

Uneinig ist die Szene auch, was den erfolgsbedingten Wechsel zu einem größeren Label, wie bei "Boysetsfire", betrifft. Zwar, so Christoph, "gibt es keine Einkommensobergrenze für HC-Bands", aber sie dürften eben nicht vergessen, wo sie herkämen. Und der bloße Verdacht, es ginge der Band nach so einem "Major-Deal" nur mehr ums Geld und sie müsse sich nun von den Produzenten dreinreden lassen, vergrämt so manchen Fan. Es gebe schon soetwas wie eine "Szenepolizei", sagt Christian Friedl von Redlightsflash.

Vor allem die "Straight Edger", die man, so Jan, in Wien an vier Händen abzählen könne, nehmen es mit den Grundsätzen des HC sehr genau. Straight Edger (benannt nach einem Lied von Ian MacKaye, nunmehriges Fugazi-Mastermind) sind sehr kritische Leute. Um den Kopf klar zu haben essen sie vegan, trinken und rauchen nicht.

Die harten Klänge ziehen aber auch Leute an, über die Jan &Co. gar nicht glücklich sind. Vor ein, zwei Jahren seien, vor allem in Deutschland, bei Konzerten zunehmend "Rechte" aufgetaucht. Mit Aktionen wie "Good Night, White Pride" habe sich die Szene dann gewehrt, erzählt Jan. Inzwischen, sagt Christoph, sei man etwas bequemer, ein bißchen weniger politisch geworden. Und obwohl auch beim HC Musik und Spaß im Vordergrund stehen, macht sein Tonfall eines klar: Hardcore hören heißt eben auch, die Welt auf eine bestimmte Art zu sehen.

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