Es ist beängstigend, wie schnell sich die Spirale von Provokationen und Gegenprovokationen seit Beginn der ersten heißen Phase im Irak-Konflikt im Herbst des Vorjahres in Asien gedreht hat.
Sollte der UN-Sicherheitsrat am Frei tag dieser Woche tatsächlich, wie vorerst geplant, die Atom-Krise in Nordkorea debattieren, dann würde die ganze Welt jenen Bogen sehen, der sich zur Zeit von einem brandgefährlichen Krisenherd (Irak) zum anderen (Nordkorea) spannt. Denn für Freitag ist auch ein weiterer Bericht der UN-Waffeninspektoren zum Irak vorgesehen.
Aber selbst wenn es anders kommen und Nordkorea wieder von der Tagesordnung genommen werden sollte, lässt sich die Verbindung zwischen den beiden krisenhaften Entwicklungen nicht übersehen. So hat der jüngste Vorfall in der Luft, bei dem nordkoreanische Abfangjäger amerikanischen Aufklärungsflugzeugen gefährlich nahe kamen, gezeigt, was Nordkorea im Schatten der Irak-Krise alles einzusetzen bereit ist. Fünfzehn Meter entschieden zwischen Krieg und Frieden in Asien, denn man kann sich die Reaktion der USA bei einem Flugzeugzusammenstoß und dem Verlust von US-Piloten leicht ausmalen.
Es ist beängstigend, wie schnell sich die Spirale von Provokationen und Gegenprovokationen seit Beginn der ersten heißen Phase im Irak-Konflikt im Herbst des Vorjahres in Asien gedreht hat: Bekanntmachung des Atomvertragsbruchs durch Pjöngjang, Wiederaufnahme des Nuklearprogramms, Ausweisung der UN-Inspektoren, Aufbringung eines nordkoreanischen Schiffes im Auftrag der USA, Raketentest Nordkoreas, Großmanöver der USA und Südkoreas - und jetzt eben der Luftzwischenfall.
Deshalb würde es auch kaum mehr überraschen, sollte Nordkorea demnächst mit der Erzeugung von Plutonium beginnen - und zwar an dem Tag, an dem die ersten US-Bomben auf Bagdad fallen.
Allerdings gibt es zwischen den beiden Punkten auf George W. Bushs "Achse des Bösen" einen bedeutenden Unterschied, der das gefürchtete Armageddon verhindern könnte: Im Unterschied zum Irak ist Nordkorea von Staaten umgeben, die den Konflikt sehr wohl vielfältig mit friedlichen Mitteln beeinflussen könnten und wollen: Das oft als Absurdistan oder Skurrilistan beschriebene stalinistische Regime ist von der Hilfe Chinas abhängig. Pekings Drohung, diese zu streichen, könnte Diktator Kim Jong Il zum Einlenken zwingen.
Japan könnte die Geldtransfers früherer Flüchtlinge in ihre Heimat sowie den Waffen- und Drogentransport mit nordkoreanischen Schiffen stoppen. Alles Maßnahmen ohne ausdrückliche UN-Sanktionen, die ja von Nordkorea als "Kriegserklärung" angesehen werden würden - mit zur Zeit noch unvorstellbaren Konsequenzen.
Begleitend dazu müsste allerdings George W. Bush endlich jenen zuhören, die auf einen direkten Dialog zwischen Washington und Pjöngjang drängen: Das war jüngst sein eigener Geheimdienst, das war das Alter ego von US-Außenminister Colin Powell, dessen Vize Richard Armitage, vor dem US-Kongress; das sind China und Russland (Veto-Mächte beide).
So schwer kann es den Strategen um Bush doch nicht fallen, den Diktator zu verstehen und entsprechend zu verhandeln: Denn Kim Jong Il erweist sich in der Eskalationsstrategie der jetzigen Krise als gelehriger Schüler: Nimm dir das Recht auf einen Präventivkrieg heraus, wenn du dich bedroht fühlst; ziehe eine immer höhere Bedrohungskulisse auf, schließe den Einsatz von Nuklearwaffen nicht aus. Genau so läuft nämlich die US-Argumentation im Irak.
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Die Krise in Fernost eskaliert im Schatten jener in Nahost. Washington sollte jenen zuhören, die auf Direktgespräche drängen.