Glosse: Zauberformel der Vernunft

E
s kommt ja in der Politik sel ten vor, dass sich Hoffnun gen erfüllen, aber auf die Schweizer ist eben doch Verlass. So hat das Parlament in Bern also am Mittwoch bei der Wahl der Regierungsmitglieder jenen Weg eingeschlagen, der nach dem Ergebnis der Wahl Ende Oktober der richtige schien: Der aggressive Rechtspopulist Blocher wurde in die Verantwortung eingebunden.

Und so nach innen gewandt und isolationistisch, wie man es ihnen nachsagt, sind die Schweizer auch nicht. Denn offenbar haben ihre Volksvertreter sehr wohl jenen Trend registriert, der sich in ganz Europa zeigt: Überall wo man Politikertypen wie Blocher in die Entscheidungsstuben zwingt, können sie entweder mit der Verantwortung nicht umgehen oder ihre Parteien zerbrechen, sobald der "Feind", die Regierenden eben, abhanden kommt: Das war in den Niederlanden so, in Norwegen auch, oder früher in Finnland und ist gerade jetzt in Hamburg so, wo der Rabauke Ronald Schill im Stadtsenat sein ganzes politisches Kapital verspielt hat. Nur eben in Österreich ist man einen anderen Weg gegangen - und Jörg Haider kann schon wieder Politiker, Parteien, Regierung vor sich hertreiben, wann und wie es ihm gefällt.

Das Ende der berühmten "Zauberformel" in der Schweizer Regierung, der seit 44 Jahren geltende Proporz und Konsens, ist ein angemessener Preis für eine vernünftige Entscheidung. Denn entweder Blocher leistet ordentliche Arbeit in jenem Ressort, das er ab Jänner zugeteilt bekommt, oder er entlarvt sich auch für seine treuesten Anhänger als Großmaul. In beiden Fällen ist für die Schweizer viel gewonnen. Das Aus für die starre Formel bedeutet auch den Beginn europäischer Normalität. Auch das kann nur gut sein für die Schweiz, oder? Denn irgendwann wird sie in die EU kommen - Blocher hin oder her.

anneliese.rohrer@diepresse.com

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