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uropa steht unter Schock: In aus gefallenen Kühlschränken verfau len Tonnen von Fleisch und Milchprodukten, in Liftschächten sitzen über Stunden hinweg Tausende Menschen fest, auf Flug-, Bahnhöfen und verstopften Straßen herrscht das blanke Chaos. Die Liberalisierung der europäischen Stromwirtschaft gilt bei Politikern und Verbrauchern gleichermaßen als gescheitert, "neoliberale Rezepte" - wie Privatisierung und Deregulierung - geben die Sündenböcke.
Klingt doch auch ganz plausibel, passierten die jüngsten großen Blackouts ja allesamt in liberalisierten Märkten. Den Anfang machte Kalifornien, als im Sommer 2001 im "High-Tech-Land" par excellence Taschenlampen verteilt werden mussten, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Heuer hat es den Nordosten Amerikas erwischt, in der Folge waren London, Dänemark, Schweden und nun eben Italien an der Reihe. Hierzulande trennten am 27. August gerade einmal zehn Sekunden eine halbe Million Österreicher von einem Blackout.
Es ist aber schlichtweg grotesk, der blutjungen Liberalisierung der Energiemärkte (in Europa seit 1999) den Schwarzen Peter für die jüngsten Stromausfälle zuzuspielen. Es handelt sich nämlich keineswegs um ein Marktversagen, sondern um ein Staatsversagen der allerersten Güte. Schließlich haben die Blackouts allesamt eine gemeinsame Ursache: ausgebliebene Investitionen in Kraftwerke und Stromnetze. Und diese Investitionen sind eben nicht erst mit der Liberalisierung ausgeblieben.
Vielmehr fehlte es der Politik von den USA bis Europa über Jahrzehnte hinweg an der nötigen Courage, den staatlich regulierten Energiekonzernen dringend notwendige Investitionen in Hochspannungsleitungen und Kraftwerken zu genehmigen. Es ist nicht neu, dass nur ausreichend vorhandene Reservekapazitäten bei Kraftwerken und Leitungen Ungleichgewichte in der Stromversorgung - etwa durch ausfallende Kraftwerke oder Hochspannungsnetze - ausgleichen können.
Bürgerinitiativen trieben allerdings den Volksvertretern von Kalifornien bis Süditalien den Angstschweiß auf die Stirn, ökonomische Ratio hatte gegen politische Feigheit nicht den Funken einer Chance. Und das wird sich noch auf Jahre hinaus bitter rächen.
Nicht, dass der Investitionsbedarf in den staatlich kontrollierten Stromsystemen übersehbar gewesen wäre: 1965 waren 30 Millionen Verbraucher in den USA und Kanada für Stunden ohne Strom, im Herbst 1993 kam es in Griechenland zu einem Blackout, ein Jahr später saßen 18 Millionen Italiener im Dunkeln. Von Deregulierung und Privatisierung war damals weit und breit noch keine Spur. Allein in Österreich hat sich der Stromverbrauch seit den 60er Jahren verfünffacht, die Leitungskapazitäten blieben indes konstant.
Mittlerweile ist der Investitionsstau in ganz Europa auf ein unheimliches Ausmaß angewachsen. Schätzungen der Internationalen Energieagentur zufolge brauchen die EU-15 in den kommenden 30 Jahren 600.000 Megawatt an neuer Kraftwerksleistung, um alte Anlagen zu ersetzen und den wachsenden Stromverbrauch zu decken. Das entspricht der Kapazität von 600 Atomkraftwerken. Dabei ist der von Deutschland beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie in dieser Prognose noch gar nicht eingerechnet.
Klar ist, dass erneuerbare Energien zwar eine nette (und kostspielige) Sache sind, die fehlenden Kapazitäten aber nicht einmal ansatzweise decken können. Fossile Energiequellen werden uns also ebenso erhalten bleiben wie die Kernenergie. Gelingt es der EU nämlich nicht, die Stromversorgung über neue Kraftwerke und Netze zu sichern, hätte dies einen bemerkenswerten Nebeneffekt: Der EU würde nichts anderes mehr übrig bleiben als in ganz Osteuropa - bis hin zu den russischen Oligarchen - um Strom zu betteln. Dass dieser Strom nicht gerade ein grünes Mascherl hat, dürfte mittlerweile auch Bürgerinitiativen und Politikern bekannt sein.
franz.schellhorn@diepresse.com