Die Grundlagenforschung wird bei einer Forschungsreform nicht unter die Räder kommen.
Im Vorjahr war in der Forschungspolitik die Hölle los. Ein Sturmder Entrüstung blies Infrastrukturminister Mathias Reichhold entgegen, als er die Forschungslandschaft neu ordnen wollte. Im Kern des wilden Hickhacks stand die Fusion der Forschungsfonds: des Wissenschaftsfonds FWF, aus dem die universitäre Grundlagenforschung gespeist wird, und des Forschungsförderungsfonds der gewerblichen Wirtschaft (FFF), der die wirtschaftsnahe Forschung finanziert.
Zum Hauptargument der Gegner wurde schnell, daß jene Disziplinen, die nicht auf den ersten Blick nützlich sind - also die Grundlagenforschung insbesondere in den Geisteswissenschaften - unter die Räder kommen würden, wenn der FWF seine Eigenständigkeit verliere.
Wie anders verläuft die Diskussion aber jetzt, nachdem Bildungsministerin Elisabeth Gehrer einen Plan präsentiert hat, der noch weiterreichend ist. Sie will alle Forschungsagenden - außer die Universitäten und die Akademie der Wissenschaften - aus den jeweiligen Ministerialbürokratien herausheben und in einer Dachorganisation vereinen. Auch die Fonds. Zwar steht auch heute deren Autonomie im Mittelpunkt der lebhaften Diskussion. Aber die Töne sind nun deutlich gemäßigter, das oben genannte Totschlägerargument ist zur Zeit praktisch nicht zu hören.
Deuten kann man diesen Wandel auf zweierlei Weise. Zum einen schlicht parteipolitisch: Im Vorjahr kam der Reformplan von der FPÖ. Allen mußte klar sein, daß von der ÖVP, die sich die Agenden jahrzehntelang brüderlich mit der SPÖ geteilt hatte, heftiger Gegenwind kommen mußte. Und dieser führte auch prompt zum Scheitern. Nun kommt der Vorschlag von der ÖVP selbst.
Zum anderen hatte der Entrüstungssturm im Vorjahr auch einen reinigenden Effekt, der überkommene Dünkel und Eifersüchteleien verblasen hat. Viele Akteure mußten ihren Blick auch auf die umliegenden Organisationen richten und haben dadurch zumindest einen Schnappschuß des größeren Ganzen der Forschungslandschaft erheischt. Die Folge: So mancher ist von einer unhaltbaren Extremposition abgerückt und beteiligt sich nun viel sachlicher an der - notwendigen - Debatte.
Dem Großteil des universitären Sektors ist mittlerweile klar geworden, daß eine Opposition zu der vielfach als "böse" angesehen Wirtschaft, die die Freiheit der Forschung einenge, keinen Sinn macht, ja absurd ist. Hier greift auch die Macht des Faktischen, denn Ziel der Universitätsreform ist es ja, den Anteil an Drittmitteln zu erhöhen. Nur ein Beispiel für die Annäherung: In die Uni-Räte, die wichtigsten Organe der neuen Universitäten, wurden zahlreiche Wirtschaftstreibende gewählt.
Auf der anderen Seite hat sich auch in der Wirtschaft ein Meinungswechsel breitgemacht: Offenbar haben nun wirklich alle begriffen, daß es ohne freie Grundlagenforschung keine florierende Innovationslandschaft geben kann. Nur die volle Breite einer zweckfreien Wissenschaft kann garantieren, daß in der Zukunft Lösungsansätze für Probleme bereitliegen, die heute noch nicht sichtbar sind. Ein deutliches Indiz für den Meinungsumschwung: Die Abschaffung von sogenannten "Orchideenfächern" wurde schon längere Zeit von niemandem gefordert.
Zudem verspürt die Wirtschaft immer stärker am eigenen Leib, wie wichtig die Universitäten für sie sind. Denn in nächster Zeit tut sich eine Lücke von 500 bis 900 Jungakademikern pro Jahr auf. Um diese zu füllen, sind produktive Universitäten unumgänglich. Und diese gibt es nur auf Basis einer funktionierenden und gut dotierten Grundlagenforschung.
So braucht einem auch nicht allzu bange sein, daß die Grundlagenforschung in Österreich unter die Räder kommt. Egal, wie die Forschungspolitik organisiert ist.